Gescheitert am Kalkül des Westens
Andreas Zumach
Carla del Ponte, scheidende Chefanklägerin des UNO-Tribunals für Exjugoslawien, durfte
Mladic und Karadþic nicht fassen und Miloðevic nicht verurteilen, damit die
internationale Mitverantwortung für den Völkermord von Srebrenica vertuscht bleibt.
Als die Schweizer Juristin Carla del Ponte 1999 zur Chefanklägerin beim
UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag berufen wurde, überwogen vor allem in ihrer
Heimat die skeptischen Stimmen. Als Staatsanwältin in Lugano zunächst für ihren
Heimatkanton Tessin und dann ab 1994 als Bundesanwältin in Bern für die ganze Schweiz
zuständig, hatte die resolute Wirtstochter immer wieder Schlagzeilen mit spektakulären
Ermittlungen, Durchsuchungen und Festnahmen gemacht - vornehmlich von mutmaßlichen
Mafiabossen, Drogenhändlern,Geldfälschern , Waffenschiebern oder Terroristen. Doch nur
in wenigen Fällen kam es zu einem Prozess, und noch seltener endeten diese Verfahren mit
einer Verurteilung. Vielen Beobachtern galt del Ponte damals als schlagzeilenträchtige
Schaumschlägerin.
Viel besser fällt ihre Den Haager Bilanz aus. Von den 161 Personen, gegen die das
Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung durch den UNO-Sicherheitsrat im Frühjahr
1993 Anklage erhoben hat, wurden 92 während del Pontes achtjähriger Amtszeit als
Chefanklägerin festgenommen oder stellten sich freiwillig. 63 davon - militärische
Befehlshaber, einfache Soldaten, Gefangenenwärter oder Lokalpolitiker - wurden von dem
Gericht zu Haftstrafen verurteilt. Darunter mehrheitlich Serben, aber auch Kroaten,
Bosniaken sowie ein Kosovo-Albaner.
Dennoch überwiegen in den Nachrufen auf die am heutigen Montag scheidende
Chefanklägerin die Hinweise auf "ihre Misserfolge" und "ihre
Niederlagen", vor allem, weil sie General Ratko Mladic und Radovan Karadþic nicht
den Prozess gemacht hat. Die beiden Exführer der nationalistischen bosnischen Serben,
denen das Tribunal auch Völkermord an rund 8.000 muslimischen Männern in der
ostbosnischen UNO-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 zur Last legt, werden seit über 14
Jahren mit internationalem Haftbefehl gesucht. Vorgehalten wird del Ponte zudem, dass sie
im Gerichtsverfahren gegen Serbiens ehemaligen Präsidenten Slobodan Miloðevic trotz
vierjähriger Dauer keine Verurteilung erwirken konnte, bevor der Prozess wegen des Todes
des Angeklagten eingestellt werden musste.
Doch die Verantwortung dafür liegt nicht bei del Ponte, sondern bei den Regierungen
der USA, Frankreichs und Deutschlands. Die Geheimdienste dieser Staaten verfügen seit
spätestens Juni 1995 über umfangreiche Erkenntnisse wie Abhörprotokolle und
Luftaufnahmen, die die Verantwortung von Mladic, Karadþic und Miloðevic belegen für die
Planung, Vorbereitung und Durchführungen der serbischen Angriffe auf Srebrenica, die
Vertreibung seiner 40.000 muslimischen Einwohner sowie den anschließenden Völkermord an
8.000 Jungen und Männern.
Doch die drei Nato-Staaten verschwiegen ihre Kenntnisse über die Vorbereitung der
Angriffe auf Srebrenica gegenüber der UNO, deren damals über 30.000 Blauhelmsoldaten in
Bosnien-Herzegowina mit dem Schutz dieser Enklave sowie fünf weiterer von serbischen
Milizen belagerter Städte beauftragt war. Der französische Oberkommandierende aller
UNO-Truppen im ehemaligen Jugoslawien, General Bernard Janvier, verhinderte auf Anordnung
der Regierung Chirac während der sechstägigen serbischen Angriffe auf Srebrenica Anfang
Juli 1995 mehrfach die Anforderung von Nato-Kampfflugzeugen zum Schutz der Enklave, um die
der Kommandeur der dort stationierten niederländischen UNO-Truppen Janvier dringend
ersucht hatte. Im September und Oktober 1995 berichtete die taz über Erkenntnisse der
Geheimdienste und Regierungen in Washington, Paris und Bonn und die absichtsvoll
vereitelte Rettung Srebrenicas. Del Pontes Vorgänger im Amt des Den Haager
Chefanklägers, der Südafrikaner Richard Goldstone, reiste daraufhin nach Washington und
ersuchte die Regierung Clinton vergeblich um die Überlassung sämtlicher
Srebrenica-relevanten Geheimdienstmaterialien. Mit diesen Materialen hätte del Ponte im
Prozess gegen Miloðevic dessen zentrale Mitverantwortung für Srebrenica beweisen
können.
Der bereits im Herbst 1995 entstandene Verdacht ist inzwischen durch umfangreiche
Recherchen vor allem niederländischer Journalisten belegt: Die serbischen Angriffe auf
die drei Enklaven und UNO-Schutzzonen Srebrenica, Þepa und Goraþde war ein abgekartetes
Spiel zwischen Serbiens Präsidenten Miloðevic und dem damaligen Bosnien-Unterhändler
der USA, Richard Holbrooke, der im Auftrag der Clinton-Administration und mit Wissen der
Regierungen Frankreichs und Deutschlands handelte. Mit der Vertreibung der Muslime aus dem
sonst serbisch kontrollierten Ostbosnien wurde die Teilung Bosniens in zwei ethnisch
definierte Großregionen (muslimisch-kroatische Föderation im Westen, Serbische Republik
im Osten) ermöglicht und damit das im Dezember 1995 in Dayton besiegelte
"Bosnien-Friedensabkommen".
Karadþic und Mladic waren in die Absprache zwischen Holbrooke und Miloðevic
eingeweiht. Kämen sie vor das Den Haager Tribunal, müssten die Regierungen in
Washington, Paris und Berlin fürchten, dass sie über diese Absprache auspacken.
Del Ponte kennt diese Zusammenhänge. Ob sie in dem angekündigten Buch über ihre acht
Jahre als Chefanklägerin aber auch alles schreibt, was sie weiß, bleibt abzuwarten. Dass
ihr Nachfolger Karadþic und Mladic vor das UNO-Tribunal bringt, bevor sein Mandat für
die Neueröffnung von Verfahren Ende 2008 ausläuft, darauf möchte in Den Haag niemand
wetten.
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