Schluss mit der Erbhofpraxis
Eigenartig, aber gut: Russland schlägt Tschechen als IWF-Chef vor
Kommentar von Andreas Zumach
Eine öffentlich ausgetragene Konkurrenz bei der Besetzung internationaler Posten ist
sehr gut. Insofern ist es grundsätzlich zu begrüßen, dass mit Tschechiens früherem
Notenbankchef Josef Tosovsky jetzt neben dem Franzosen Dominique Strauss-Kahn endlich ein
zweiter offizieller Bewerber für den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds (IFW)
existiert, der ab Oktober zu besetzen ist. Und dazu erstmals ein Kandidat aus Osteuropa -
18 Jahre nach Ende des Kalten Krieges.
Über die Motive der russischen Regierung, Tosovsky noch kurz vor Ende der
Bewerbungsfrist am 31. August als Kandidaten zu nominieren, kann man bislang allerdings
nur rätseln. Glaubt Moskau, dass Tosovsky trotz seiner fachlichen Qualifikationen bei der
Wahl durch die 185 IWF-Staaten auch nur den Hauch einer Chance hat? Zumal Tosovsky von der
Prager Regierung nicht unterstützt wird und es ungeklärte Hinweise darauf gibt, dass er
mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst vor 1989 zusammengearbeitet hat. Will Putin die
EU spalten, die sich nach der überraschenden Rücktrittserklärung des amtierenden
spanischen IWF-Chefs Rodrigo Rato Ende Juni von dem neuen französischen Präsidenten
Nicolas Sarkozy sehr schnell dessen Landsmann Strauss-Kahn als gemeinsamen Kandidaten
aufdrängen ließ?
Moskau dürfte es kaum gelingen, die EU auseinanderzudividieren. Doch könnte die
Bewerbung Tosovskys Frauen oder Männer aus einem der Länder des Südens, die an dem
IWF-Chefposten interessiert und dafür qualifiziert sind - wie etwa Südafrikas
Finanzminister Trevor Manuel - noch zu einer offiziellen Kandidatur ermutigen. Nur dann
bestünde eine Chance, dass die zwischen Brüssel und Washington ausgekungelte
fragwürdige Erbhofpraxis beendet würde, nach der der IWF-Chefposten bislang immer von
der EU und das Amt des Weltbankpräsidenten immer von den USA besetzt wurde. Auch daran
hängt - neben allen drängenden institutionellen Reformen und Veränderungen der
politischen Praxis dieser beiden Organisationen - ihre Glaubwürdigkeit bei der großen
Mehrheit der Mitglieder.
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