Sarkozys gefährliche Taktik
Kommentar von Andreas Zumach
Hat der französische Außenminister Bernard Kouchner unpräzise und fahrlässig
formuliert in seinem aufsehenerregenden Iran-Interview? Das ist zwar nicht völlig
auszuschließen, aber doch eher unwahrscheinlich bei einem Mann, der seit über 30 Jahren
in vielerlei Funktionen mit internationalen Krisen und Konflikten befasst ist. Daher ist
davon auszugehen, dass sowohl der Zeitpunkt des Interviews - am Abend vor der mit dem
iranischen Atomprogramm befassten Jahresversammlung der IAEO in Wien - wie die
Vieldeutigkeit der Aussagen und die daraus ableitbare Vielzahl der Adressaten des
Interviews kein Zufall waren.
Kouchner will, dass seine Worte richtig in Teheran, Washington und Jerusalem verstanden
werden: als Kriegsdrohung gegen Iran oder zumindest als Signal der Bereitschaft
Frankreichs, einen etwaigen Krieg der USA gegen Iran zu unterstützen. Die Reaktionen aus
diesen drei Hauptstädten zeigen, dass die Botschaft angekommen ist. In Berlin wird die
Interpretation "Kriegsdrohung" öffentlich als "völlig falsch"
zurückgewiesen.
Doch zugleich weiß die Bundesregierung jetzt, dass sie nicht auf Paris bauen kann -
weder kurzfristig im Konflikt mit Washington um den Zeitpunkt für weitere Sanktionen
gegen Teheran. Noch, falls sie sich endlich zur Ablehnung eines Krieges gegen Iran
durchringen sollte. In Richtung Russland und China signalisierte Kouchner die Bereitschaft
Frankreichs, weitere Sanktionen gegen Iran notfalls außerhalb des UNO-Sicherheitsrates im
Rahmen der EU und gemeinsam mit den USA zu verhängen.
Bleibt die Frage: Erwägt die neue Regierung in Paris ernsthaft die militärische
Option gegen Iran? Oder sollen die scharfe Rhetorik und die Forderung nach neuen
Sanktionen lediglich "verhindern, dass wir eines Tages mit der katastrophalen
Alternative ,iranische Bombe oder Bombardierung Irans' konfrontiert sind", wie
Präsident Sarkozy in seiner ersten außenpolitischen Grundsatzrede Ende August
formulierte? Sollte dies Frankreichs Kalkül sein, ist es zumindest in Iran nicht
aufgegangen. Denn dort haben Kouchners Worte die Hardliner und die Fraktion der
Atomwaffenbefürworter gestärkt. Und das steigert die Kriegsgefahr.
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