Konsens statt Konflikt
Andreas Zumach
Das Schweizer Konkordanzprinzip ist weltweit einzigartig. Es gilt das Prinzip der direkten
Demokratie, Mitbestimmung der BürgerInnen wird großgeschrieben.
Das Schweizer Politiksystem ist einzigartig nicht nur in Europa, sondern weltweit.
Statt des in anderen parlamentarischen Demokratien klaren Gegenübers zwischen Regierung
und Opposition gilt in der Schweiz das Konsensprinzip. Eine hohe Zahl an Gruppierungen wie
Parteien, Verbänden und Minderheitenvertretern ist am politischen Prozess beteiligt.
Alle vier Jahre werden die beiden Kammern des Berner Bundesparlaments neu gewählt: der
Nationalrat mit 200 direkt gewählten Wahlkreisabgeordneten sowie der 46-köpfige
Ständerat mit je zwei ebenfalls direkt vom Volk gewählten VertreterInnen der 26 Voll-
und Halbkantone.
Die 246 Abgeordneten der gemeinsamen Versammlung von Nationalrat und Ständerat wählen
anschließend mit absoluter Mehrheit die Mitglieder des Bundesrates, der siebenköpfigen
Regierung. Dabei erhalten nach einer Anfang des 20. Jahrhunderts festgelegten Formel die
drei stärksten Parlamentsfraktionen jeweils zwei Regierungssitze und die viertstärkste
einen Sitz. Die sieben gewählten Bundesräte aus den vier stärksten Parteien treffen die
Regierungsentscheidungen gemeinsam. Ein Staatsoberhaupt oder einen Regierungschef sieht
die Verfassung nicht vor.
Bis zur Wahl 2003 stellten die Sozialdemokraten (SP) die stärkste Fraktion, gefolgt
von der Schweizer Volkspartei (SVP), der wirtschaftsliberalen FDP und der Christlichen
Volkspartei. Seit den Wahlen vor vier Jahren liegt die SVP vor der SP. Die Grünen als
fünftstärkste Partei sowie weitere Kleinparteien haben nach diesem Modell keine Chance
auf Regierungsbeteiligung.
Dieses Konkordanzsystem hat dazu beigetragen, dass die Schweiz seit Jahrzehnten eine
der stabilsten Demokratien ist. Es funktioniert in Verbindung mit weitgehenden
Mitbestimmungsrechten für das Volk. Auf allen politischen Ebenen - ob Kommune, Kanton
oder Bund - sind zu ausnahmslos allen politischen Fragen Referenden möglich. Auf
Bundesebene genügen schon 50.000 Stimmen, um eine Volksabstimmung über ein Gesetz zu
erzwingen.
Mit dem gestern verkündeten Regierungsauszug der stärksten Partei SVP - deren im
Bundesrat verbleibende Mitglieder Schmid und Widmer-Schlumpf künftig als
"fraktionslos" gelten - ist das Konkordanzsystem in Frage gestellt.
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