Später Sieg der politischen Vernunft
Nichtwahl von Blocher ist eine Sternstunde für die Demokratie
Kommentar von Andreas Zumach
Die gestrige Nichtwahl von Justizminister Christoph Blocher von der rechtspopulistischen
Schweizer Volkspartei (SVP) durch das Berner Parlament ist eine Sensation, widerspricht
sie doch den Prognosen ausnahmslos aller BeobachterInnen. Vor allem aber ist diese
Nichtwahl eine Sternstunde der Demokratie. Ein Sieg all der Anständigen, auch in den
bürgerlich-konservativen Parlamentsparteien. Die nämlich ließen sich nicht
einschüchtern durch die erpresserische Drohung der SVP-Führung, im Fall der Nichtwahl
Blochers werde die Partei die Regierung verlassen und in die Opposition gehen.
Das gilt selbst dann, wenn Blochers gewählte Gegenkandidatin Eveline Widmer-Schlumpf
vom moderaten Flügel der SVP unter dem Druck der Parteiführung heute doch noch einen
Rückzieher machen sollte. Bleibt sie aber standhaft und zieht in den Bundesrat ein,
könnte dies weitreichende Folgen für das eidgenössische Politiksystem haben. Zunächst
einmal dürfte sich die SVP spalten und der moderate Flügel möglicherweise den Anschluss
an die Christliche Volkspartei suchen. Das würde wahrscheinlich das Ende der seit
Jahrzehnten praktizierten Zauberformel bei der Verteilung der sieben Regierungssitze auf
die vier stärksten Parlamentsparteien bedeuten. Damit wäre auch ganz grundsätzlich das
nicht nur in Europa, sondern in der Welt einzigartige eidgenössische Konkordanzsystem in
Frage gestellt.
Dieser Mechanismus des ständigen Einigungszwangs unter den vier stärksten Parteien,
verbunden mit den weitgehenden Mitentscheidungsrechten des Volkes auf allen politischen
Ebenen, hat erhebliche Vorteile und ist wohl eine der wesentlichen Gründe dafür, dass
die Schweiz zu den stabilsten Demokratien überhaupt zählt. Vor allem die
rechtspopulistischen Hardliner der SVP um Blocher traten in den letzten Jahren immer
wieder mit der Drohung auf, dieses bewährte System aufzusprengen und damit in der Schweiz
ein "normales" politisches System mit Regierung und parlamentarischer Opposition
zu installieren. Dass dies jetzt vielleicht so kommt, weil Blocher gescheitert ist, hatten
sie allerdings nicht auf der Rechnung.
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