TAZ
30. November 2006


Mohn ist Afghanistans gefährlichster Feind

NATO-Tagung: Deutschland will nicht gegen die Taliban kämpfen

Kommentar von Andreas Zumach

Angela Merkel ist beim Nato-Gipfel in Riga nicht umgefallen, wie manche befürchtet und andere gehofft hatten. Die Bundeskanzlerin hat dem massiven Druck der drei Bündnispartner USA, Kanada und Großbritannien nicht nachgegeben: Es wird keine deutschen Kampftruppen für den Süden Afghanistans geben. Das ist eine in jeder Hinsicht richtige Entscheidung. Sie ist sachlich gut begründet und kein Ausdruck angeblicher "Feigheit" der Deutschen oder der Angst vor dem Tod von Bundeswehrsoldaten und vor dem Widerstand der Bevölkerung.

Eine dauerhafte Verlegung deutscher Truppenverbände aus dem Norden Afghanistans hätte dort eine große Sicherheitslücke gerissen und die wichtige Wiederaufbauarbeit gefährdet. Zugleich hätte selbst der Kampfeinsatz sämtlicher 2.700 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan den Krieg gegen die Taliban nicht entscheidend beeinflussen können. Denn dieser Krieg im Süden ist nicht zu gewinnen, solange die Nato-Staaten nicht ernsthaft bereit sind, etwas gegen den Mohnanbau zu unternehmen. Die Möglichkeit dazu hätten sie: Viele Nato-Mitglieder gehören zu den einflussreichsten Akteuren in EU, UNO und anderen mit Afghanistan befassten Institutionen.

Der Mohnanbau ist seit Beginn des Afghanistankrieges im Oktober 2001 auf mehr als die doppelte Menge angewachsen. Das Drogengeschäft generiert Milliardeneinnahmen, mit denen die Taliban, aber auch die regionalen Warlords unbegrenzt Waffen, Munition, Kämpfer und Selbstmordattentäter kaufen und rekrutieren können, um deine funktionierende Zentralregierung in Kabul und eine Stabilisierung des Landes zu verhindern. Es ist kein Trost, dass einige dieser Warlords noch immer mit den USA verbündet sind. Wird der Mohnanbau nicht bekämpft, wird auch der bislang noch "relativ sichere" Norden Afghanistans über kurz oder lang zur Kriegszone werden. Die Erfolge beim Wiederaufbau durch Deutschland und andere Länder würden dann bald zunichte gemacht. Damit wäre die Nato in Afghanistan endgültig gescheitert.