USA setzen Berlin unter Druck
Auf dem Nato-Gipfel verschärft Washington die Kritik am Afghanistan-Engagement
Andreas Zumach
Zum gestrigen Auftakt des Nato-Gipfels in der lettischen Hauptstadt Riga haben die USA
den Druck auf Deutschland erhöht. Die Bush-Administration sowie mehrere US-Leitmedien
verschärften noch einmal ihre Kritik an Deutschland und anderen europäischen
Bündnismitgliedern wegen ihres mangelnden kriegerischen Engagements im Rahmen der
Isaf-Mission Afghanistan. Ähnlich äußerte sich die Gastgeberin des Nato-Gipfels, die
lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga.
US-Präsident George W. Bush forderte die Nato-Staaten auf, "mehr Truppen für
Afghanistan bereitzustellen" sowie geografische und andere Einsatzrestriktionen für
ihre Soldaten vor Ort "aufzuheben". Um in Afghanistan "erfolgreich zu sein,
müssen die Nato-Alliierten die Truppen zur Verfügung stellen, die die militärische
Führung benötigt", erklärte Bush.
Nach Ansicht der lettischen Präsidentin Vike-Freiberga erleben die Soldaten einiger
Nato-Staaten in Afghanistan derzeit "die heftigsten Gefechte seit dem
Koreakrieg". Dabei werde "die Hauptlast nur von einigen wenigen Staaten
getragen".
Die New York Times monierte in ihrem gestrigen Leitartikel eine "ungerechte
Arbeitsteilung" unter den Nato-Partnern zwischen "harter Arbeit" im Süden
und "relativ entspannten Patrouillen im Norden". Noch schärfer kommentierte die
der Bush-Administration sehr nahe stehende Zeitung Wall Street Journal: Während im
Süden Afghanistans "hauptsächlich Kanadier, Briten und Amerikaner kämpfen und
sterben", würden Deutschland und andere europäische Staaten im "relativ
sicheren Norden des Landes um ihre Beliebtheit als bewaffnete Sozialhelfer buhlen".
Das erinnere an "die Landung in der Normandie", als auch "nur Angelsachsen
gestorben" seien.
Mit ähnlichen und noch weitergehenden Formulierungen moderierte der Brüsseler
Nato-Korrespondent des Wall Street Journal, Friedrich Kempe, am Rande des Gipfels
in Riga eine Diskussion zwischen dem Nato-Oberkommandierenden, US-General James Jones, und
dem deutschen Publizisten und Sicherheitsexperten Christoph Bertram. Dieser wies die
"unsinnigen Behauptungen" Kempes entschieden zurück. General Jones enthielt
sich - trotz mehrfachen Drängens Kempes - jeglicher Kritik an Deutschland oder anderen
Mitgliedstaaten. Stattdessen unterstrich der Nato-Oberkommandierende die auch von der
Bundesregierung betonte Bedeutung ziviler Wiederaufbaumaßnahmen in Afghanistan. General
Jones forderte, den Drogenanbau - das "singulär größte Problem in
Afghanistan" - weit stärker zu bekämpfen als bislang geschehen.
Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer bemühte sich, es allen Seiten recht zu
machen. Zwar forderte auch er erneut mehr Soldaten für die Isaf. Im Süden Afghanistans
sei eine Aufstockung der Truppen um zwanzig Prozent erforderlich. Ähnlich wie die
Bundesregierung sprach sich De Hoop Scheffer aber auch für verstärkte
Wiederaufbaumaßnahmen sowie für eine verbesserte zivil-militärische Zusammenarbeit in
Afghanistan aus. Der Nato-Gipfel geht heute zu Ende.
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