Sonderermittler mit robusten Werten
Potrait von Andreas Zumach
1988 war der Schweizer Dick Marty in Washington noch hoch angesehen. Das
US-Justizdepartment der Regierung Bush senior zeichnete den damaligen
Tessiner Staatsanwalt aus, weil seine hartnäckigen Fahndungsmethoden
zur Festnahme eines türkischen Drogenbosses mit 100 Kilogramm
Heroin geführt hatte.
17 Jahre später bereitet die Hartnäckigkeit Martys - seit
1995 freidemokratischer Abgeordneter im Schweizer Ständerat und
seit 1998 eidgenössischer Vertreter im Europarat -der Administration
in Washington wie auch europäischen Regierungen zunehmend Ungemach.
Denn in seiner Rolle als Sonderermittler des Europarates in Sachen
CIA-Gefangene hat Marty gestern schwerwiegende Indizien und harte
Beweise vorgelegt für schwere Verstöße der USA gegen
die Genfer Konventionen und andere völkerrechtlich verbindliche
Bestimmungen sowie für die Komplizenschaft der Europäer
bei diesen Verstößen.
Die mangelnde Kooperation und zahlreichen Behinderungen seiner Ermittlungen,
die Marty durch Regierungen und Geheimdienste in Washington, Berlin,
Warschau und anderen Hauptstädten erfahren hat, sind ihm erst
recht Ansporn, alle offenen Fragen restlos aufzuklären. "Marty
besitzt die idealen Eigenschaften eines Staatsanwaltes. Er verfügt
über ein robustes Wertesystem, den nötigen Schuss Dickköpfigkeit
und hält es aus, auch alleine zu kämpfen."
So begrüßte die Neue Zürcher Zeitung Ende
November die Berufung des 60-jährigen Juristen zum Sonderermittler
des Europarates. Sein robustes Wertesystem bekräftigte Marty
in den letzten Tagen mit scharfer Kritik an den Menschenrechts- und
Völkerrechtsverstößen der Bush-Administration im Kampf
gegen den Terrorismus. Ein Kampf, dessen Methoden Marty nicht nur
für falsch und illegal hält, sondern für "ineffizient
und kontraproduktiv". Diese Methoden "schafften neue Fanatiker".
Martys Kritik an der "politischen Klasse in Europa" fällt
kaum milder aus. Denn die Europäer hätten zwar "seit
2002 Bescheid gewusst" über die Entführungsmethoden
der USA, aber nicht reagiert. Auch die in den letzten drei Monaten
bekannt geworden Fakten seien zunächst nur aus US-amerikanischen
Quellen gekommen.
Die Ressourcen für die Arbeit des Sonderermittlers sind lächerlich
gering. Marty selber arbeitet in Teilzeit und hat nur zwei Mitarbeiter
sowie ein sehr begrenztes Budget. Zudem stehen ihm keine Zwangsmittel
zur Verfügung, um die Herausgabe von Informationen durchzusetzen.
Doch der Sonderermittler setzt auf den "moralischen Druck"
seines Amtes, die Medien und eine engagierte Öffentlichkeit.
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