Nur halbherzige Kritik
Guantanamo: Die Haltung in Europas Hauptstädten ist lau
Andreas Zumach
Was muss nach der deutlichen und präzisen Kritik von ExpertInnen der
UNO-Menschenrechtskommission am US-Gefangenenlager Guantanamo eigentlich
noch passieren, damit die nun seit über vier Jahren anhaltenden
schweren Verstösse der Bush-Adminsitration gegen die US-Verfassung,
die Genfer Konventionen, die UNO-Folterkonvention und andere völkerrechtlich
verbindliche Verpflichtungen der USA endlich beendet werden? Die Reaktionen
aus Washington lassen bislang keinerlei Sinneswandel erkennen. Stattdessen
versucht die Bush-Administration mit allen Mitteln, den Bericht und
seine fünf AutorInnen nachweislich falschen Behauptungen zu diskreditieren.
Dass diese Strategie in Medien und Öffentlichkeit der USA fast
vollständig und im "Rest der Welt" zumindest teilweise
aufgehen konnte, liegt auch an der an der Leisetreterei, mit der UNO-Generalsekretär
Kofi Annan versucht, den zur Rettung von Völker- und Menschenrechtsnormen
nun einmal unausweichlich notwendigen Konflikt mit dem mächtigsten
UNO-Mitglied zu vermeiden.
Weiter so im blinden und kontraproduktiven "Krieg gegen den
Terrorismus" lautet die Devise in Washington. Und das leider
nicht nur in der Bush- Administration und der republikanischen Mehrheitspartei
im Kongress. Auch die oppositionellen Demokraten, die im November
den Kongress und im Jahr 2008 das Weisse Haus zurückerobern wollen,
lassen bislang keinerlei Anzeichen für einen anderen Kurs erkennen.
Den Kurswechsel einzufordern, bleibt weiterhin der Amerikanischen
Bürgerrechtsunion, Human Rights Watch, Amnesty International
und anderen Nichtregierungsorganisationen überlassen. Diese wackeren
Organisationen, die die besten Traditionen der amerikanischen Nation
zu retten suchen, könnten in ihrem Kampf für den Erhalt
grundlegender Menschenrechte sehr viel stärkere internationale
Unterstützung gebrauchen - insbesonders aus der gerade in diesen
Tagen des dräuenden Kulturkampes mit der islamischen Welt wieder
so vielbeschworenen "westlichen Wertegemeinschaft".
Doch die Eiertänze, die die Regierungen in Berlin, London und
anderen europäischen Hauptstädten in Reaktion auf den Guantanamo-Bericht
veranstalten, reichen bei weitem nicht aus. Und solange eine deutsche
Bundesregierung zwar die Kritik der UNO vorsichtig teilt, auf Forderung
nach Schliessung des Lagers aber verzichtet und überdies nicht
auf aus dortigen Verhören auch mit Hilfe deutscher Beamter gewonnene
Erkenntnisse verzichten will, wird sie in Washington nicht ernst genommen.
|