Kompromiss oder Kollaps
Die USA verschärfen ihre Rhetorik. Moskaus Chancen schwinden, mit Teheran eine
Zwischenlösung auszuhandeln
Andreas Zumach
Der UNO-Sicherheitsrat in New York befasst sich heute erstmals offiziell und unter
Beteiligung aller seiner 15 Mitgliedstaaten mit dem Konflikt um das iranische
Atomprogramm. Zugleich bemüht sich Russland in Verhandlungen mit Teheran weiterhin um
eine Kompromisslösung. Die Regierungen suchen einen Ausweg, der zumindest aus Moskauer
Sicht die Entwicklung von Atomwaffen im Iran verlässlich ausschließen würde und damit
konkrete Beschlüsse des UNO-Sicherheitsrates überflüssig machen könnte. Doch ein
solcher Kompromiss scheiterte bislang am Nein aus Washington.
Die Bush-Administration hat ihre Rhetorik gegen Iran noch verschärft. Der
US-amerikanische UNO-Botschafter John Bolton verglich die angeblich von Iran ausgehende
Bedrohung mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - auf die die USA bekanntlich
militärisch reagierten. "Genau wie am 11. September, nur dieses Mal mit Atomwaffen -
darin besteht die Bedrohung", sagte Bolton dem Fernsehsender ABC. US-Außenministerin
Condoleezza Rice bezeichnete Iran als den "Zentralbanker des Terrorismus".
Gestern veröffentlichte das Weiße Haus in Washington zudem einen Bericht von
Präsident George Bush zur nationalen Sicherheit. Darin hält Bush ausdrücklich an der
erstmals im September 2002 verkündeten Präventivkriegsdoktrin gegen Staaten wie Iran
fest, die nach Wahrnehmung Washingtons Massenvernichtungswaffen entwickeln oder
Terrorismus unterstützen. Wörtlich heißt es in dem 49-seitigen Bericht: "Die
Haltung des Präsidenten bleibt unverändert. Wenn nötig, schließen wir die Anwendung
von Gewalt, noch ehe Angriffe [auf die USA] erfolgen, nicht aus - selbst wenn Ungewissheit
über den Zeitpunkt und den Ort der feindlichen Angriffe bleibt."
In New York hatten sich die Botschafter der fünf ständigen Ratsmitglieder - USA,
Russland, China, Frankreich und Großbritannien - vor der heutigen Sitzung des
Sicherheitsrates in fünf informellen Beratungsrunden sowie in zahlreichen bilateralen
Sondierungsgesprächen seit Mittwoch letzter Woche nicht auf den Entwurf für eine so
gennannte Präsidentschaftserklärung zum iranischen Atomprogramm einigen können.
Russland und China lehnen weiterhin das Ansinnen der drei westlichen Ratsmächte ab,
eine möglichst kurze Frist - vielleicht nur zwei Wochen - festzulegen, in der Teheran
eine Reihe von Forderungen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) zu erfüllen
hätte. So soll Iran sämtliche laufenden Aktivitäten im Zusammenhang mit der
Anreicherung von Uran einstellen und grundsätzlich auf die Anwendung dieses Verfahrens
verzichten. Russland und China sind auch nicht bereit, in dieser ersten Erklärung des
Sicherheitsrates bereits weitergehende Maßnahmen anzudrohen, sollte Iran seine
Aktivitäten im Zusammenhang mit der Urananreicherung nicht dauerhaft einstellen.
Angesichts dieser Unstimmigkeiten ist mit einer Erklärung des Sicherheitsrates
vorläufig nicht zu rechnen - zumal diese anders als formale Resolutionen nur im Konsens
aller 15 Ratsmitglieder verabschiedet werden könnte. Inzwischen wird für Montag ein
Treffen von Vertretern der Außenministerien der fünf ständigen Ratsmitglieder sowie
Deutschlands (in seiner Eigenschaft als Mitglied des EU-Trios) in New York erwogen. Dort
soll das weitere Vorgehen in der Iranfrage diskutiert werden.
Moskau bemüht sich unterdessen weiterhin um eine Kompromisslösung, die der iranischen
Führung die Wahrung ihres Gesichts erlauben und zugleich eine Entwicklung von Atomwaffen
verlässlich ausschließen würde. Der russische Kompromissvorschlag sieht ein bis zu neun
Jahre währendes Moratorium für die Urananreicherung in industriellem Ausmaß vor, die
zur Gewinnung von Atomenergie erforderlich wäre. In diesem Zeitraum soll Iran die
Anreicherung lediglich in einer Pilotanlage in kleinstem Umfang und ausschließlich zu
Forschungszwecken betreiben können. Diese Anlage soll unter schärfsten Kontrollen der
IAEO stehen.
Nach Vorstellung Moskaus dürften in der Pilotanlage maximal 164 Zentrifugen zur
Anreicherung betrieben werden und dürfte der Anreicherungsgrad fünf Prozent nicht
überschreiten. Zur Waffenfähigkeit wären mindestens 93 Prozent erforderlich. Iran
müsste zustimmen, nach Ablauf des Moratoriums die industrielle, zur Stromgewinnung
erforderliche Anreicherung von Uran nur im Rahmen eines Jointventures mit Russland auf
russischem Territorium zu betreiben. Teheran hatte diesem russischen Vorschlag bereits
Anfang März grundsätzlich zugestimmt, allerdings in wesentlichen Details noch
Veränderungen verlangt.
Die grundsätzliche Ablehnung des Vorschlages durch die Bush-Administration stärkte
die Hardlinerfraktion in Teheran, die ihrerseits jegliche Beschränkungen des iranischen
Atomprogramms und daher auch Kompromissverhandlungen mit Moskau ablehnt. Russland hofft
nun auf eine Einigung mit Iran, bevor eine Erklärung des UNO-Sicherheitsrates die Front
der Ablehner in Teheran weiter festigen und es zum endgültigen Kollaps der
russisch-iranischen Verhandlungen kommen würde.
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