Fragwürdige Auswahl
Andreas Zumach
Als "Ansporn und Verpflichtung" hat Bundesaußenminister Franz Walter
Steinmeier (SPD) die mit 80-prozentiger Mehrheit der UNO-Generalversammlung erfolgte Wahl
Deutschlands in den neu gegründeten Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen begrüßt.
Bei der am Dienstagabend in geheimer Einzelabstimmung erfolgten Wahl der 47 Ratsmitglieder
erhielt Deutschland die Stimmen von 154 der 191 UNO-Staaten und erzielte damit das beste
Ergebnis unter den neun Kandidaten aus der "westlichen Staatengruppe". Für
diese Gruppe sind - entsprechend dem für die Generalversammlung gültigen Regionalproporz
- sieben Sitze im Menschenrechtsrat reserviert. An zweiter Stelle hinter Deutschland
folgte Frankreich (150 Stimmen) vor Großbritannien (148), der Schweiz (140), den
Niederlanden (137), Finnland (133) und Kanada (130). Nicht gewählt wurden Portugal (122)
und Griechenland (117).
Die größten Mehrheiten unter den insgesamt 64 Kandidaten erzielten acht afrikanische
Staaten: an der Spitze das Heimatland von UNO-Generalsekretär Kofi Annan, Ghana (183),
vor Sambia (182), Senegal (181), Südafrika (179), Mali, Mauritius und Marokko (jeweils
178) und Gabun (175). Auch die übrigen fünf Ratsmitglieder aus Afrika (Dschibuti 172,
Tunesien und Kamerun je 171, Nigeria 169, Algerien 168) konnten alle noch mehr Stimmen auf
sich vereinigen als Deutschland. Allerdings gab es in der afrikanischen Regionalgruppe mit
lediglich 13 Kandidaten für 13 Sitze keine Konkurrenz.
Unter den Bewerbern um die ebenfalls 13 Ratssitze für Asien schnitt Indien mit 173
Stimmen am besten ab vor Indonesien (165), Bangladesch (160), Japan und Malaysia (jeweils
158), Pakistan (149), Südkorea (148), China (146), Jordanien (137), Philippinen (136),
Bahrein (134), Saudi-Arabien (126) und Sri Lanka (123). Nicht gewählt wurden Thailand,
Libanon, Kirgisien, Iran und Irak.
Aus der Regionalgruppe "Lateinamerika und Karibik" zogen die Länder
Brasilien (165), Argentinien (158), Mexiko (154), Peru (145), Guatemala (142), Uruguay
(141), Kuba (135) und Ecuador (128) in den Menschenrechtsrat ein. Nicht gewählt wurden
Nicaragua (119), Venezuela (101) und Costa Rica (6).
Am größten war die Konkurrenz in der "Osteuropa"-Gruppe mit 13 Kandidaten
für sechs Sitze. Drei Wahlgänge waren erforderlich. Gewählt wurden Russland (137),
Polen (108) und die Tschechische Republik (105) sowie im zweiten Wahlgang die Ukraine
(109), Aserbaidschan (103) und schließlich im dritten Wahlgang sowie mit der knappsten
Mehrheit aller 64 Kandidaten Rumänien (98). Nicht erfolgreich waren Armenien, Albanien,
Georgien, Lettland, Slowenien und Ungarn.
Die Reaktionen unabhängiger Menschenrechtsorganisationen auf das Wahlergebnis waren
gemischt. "Einige Länder hätten nicht gewählt werden dürfen", erklärte die
Sprecherin von Human Rights Watch am Genfer UNO-Sitz, Mariette Grange. Russland trete in
Tschetschenien die Menschenrechte mit Füßen. Und Peking halte den traurigen Weltrekord
an Hinrichtungen. Vermutlich werde "China versuchen, eine wirksame Arbeit im
Menschenrechtsrat zu untergraben". Die Generalsekretärin der deutschen Sektion von
amnesty international, Barbara Lochbihler, mahnte hingegen, "die politischen
Realitäten zu sehen". Die Erwartung, alle Staaten mit dunkler Menschenrechtsbilanz
von dem Rat fern halten zu können, nannte sie "illusorisch".
Nach der Wahl der 47 Ratsmitglieder wurde per Los entschieden, dass Deutschland und 17
weitere Staaten dem Rat für zunächst drei Jahre angehören werden, eine weitere Gruppe
von 15 Ländern für zwei Jahre und die restlichen 14 Staaten für ein Jahr. Auf diese
Weise soll die jährliche Fluktuation von rund einem Drittel der Ratsmitglieder
gewährleistet werden. Ab nächstem Jahr werden Ratsmitglieder nur noch für eine
Dreijahresperiode gewählt. Die unmittelbare Wiederwahl für weitere drei Jahre ist
möglich. Nach sechs Jahren ununterbrochener Mitgliedschaft kann ein Land für mindestens
ein Jahr dem Rat nicht angehören.
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