Der Westen korrigiert seine Iran-Politik
Der Verzicht auf die endgültige und vollständige Urananreicherung im Iran wird nicht
mehr gefordert. Bundeskanzlerin Merkel erklärt Angebotspaket für "flexibel"
und "verhandelbar". US-Präsident Bush bewertet erste Reaktionen Teherans als
"positiv".
Andreas Zumach
Die fünf Vetomächte des UNO-Sicherheitsrats und Deutschland haben ihre bisherige
Forderung aufgegeben, Iran solle vollständig und dauerhaft auf die Anreicherung von Uran
verzichten. Diese und weitere Kurskorrekturen insbesonders der US-amerikanischen Haltung
im Konflikt um das iranische Atomprogramm sind in dem Angebotspaket enthalten, dass
EU-Außenkommissar Javier Solana Teheran am Dienstag im Namen der sechs Staaten offiziell
unterbreitet hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte darüber hinaus, es handele
sich um "ein Angebot, um Verhandlungen aufzunehmen", das zwischenzeitlich noch
verändert werden könne.
Bis Ende Juni, und damit rechtzeitig vor dem nächsten G-8-Gipfel Mitte Juli in
Petersburg, soll Iran offiziell auf die jüngste Offerte antworten. Diese Erwartung
äußerten die Außenminister Russlands und Deutschlands, Sergei Lawrow und Frank Walter
Steinmeier am Mittwoch. Bis zur offiziellen Antwort Irans werde der UNO-Sicherheitsrat
sich nicht mit dem Thema befassen, betonte Lawrow. Offiziell wird Teheran in dem
Angebotspaket keine Frist für eine Antwort gesetzt. Solana erklärte seine Bereitschaft,
bei Bedarf in den nächsten Wochen sich erneut in Teheran oder in Brüssel mit Vertretern
der iranischen Führung zu treffen. Irans Außenminister Manutschehr Mottaki und der
Chefunterhändler für Nuklearfragen, Ali Laridschani, hatten sich nach ihrem Treffen mit
Solana am Dienstag vorsichtig positiv geäußert. Allerdings gebe es noch einige
"unklare Punkte". US-Präsident George Bush bewertete die ersten iranischen
Reaktionen als "positiv".
In Abkehr von ihrer bisherigen Haltung fordern die sechs Staaten Iran in ihrem
Angebotspaket lediglich auf, als Vorbedingung für Verhandlungen "alle Aktivitäten
im Zusammenhang mit der Urananreicherung und der Wiederaufarbeitung nachprüfbar
auszusetzen". Diese Suspendierung soll auch für die Dauer von Verhandlungen gelten.
Dabei soll dann vereinbart werden, unter welchen Bedingungen Iran die Urananreicherung zum
Zwecke der Energiegewinnung eines Tages wieder aufnehmen kann.
Nach Vorstellung der USA wären die Voraussetzung hierfür, dass sowohl die für die
Überwachung des iranischen Atomprogramms zuständige Internationale
Atomenergieorganisation (IAEO) als auch der UNO-Sicherheitsrat feststellen, dass Iran
keine verbotenen, auf die Entwicklung von Atomwaffen zielenden Programme betreibt.
Nach Einschätzung von US-Diplomaten könnten bis dahin "Jahre, wenn nicht
Jahrzehnte vergehen". Die verlangte Feststellung durch den Sicherheitsrat könnte
natürlich durch die Vetomacht USA jederzeit verhindert werden.
Ebenfalls in Abkehr von ihrer bisherigen Haltung haben die fünf Vetomächte und
Deutschland auch keine Einwände mehr dagegen, dass Iran weiterhin und ohne Einschränkung
die Umwandlung von Natur-Uran in Urangas - eine Vorstufe der Anreicherung - betreibt. Die
Offerten der sechs Staaten zur Lieferung von Nuklearbrennstäben an Iran sowie von
Leichtwasserreaktoren, die zur Atomwaffenentwicklung untauglich sind, waren sämtlich
bereits in dem "weitreichenden Angebot" enthalten, das das EU-Trio (Frankreich,
Großbritannien und Deutschland) Teheran im Juli 2005 unterbreitet hatte. Der
entscheidende Unterschied: Die damaligen Angebote des EU-Trios waren nicht verbindlich.
Die Regierungen in Berlin, Paris und London hatten seinerzeit befürchtet, die USA
könnten europäische Firmen, die Nukleartechnologie an Iran liefern, mit Sanktionen
belegen. Doch diesmal steht Washington voll hinter dem Angebot an Teheran.
Auch die Bereitschaft der USA, die nach der islamischen Revolution von 1979 verhängten
Wirtschaftssanktionen gegen Iran zumindest teilweise aufzuheben, ist nicht völlig neu.
Bereits im März 2005 hatte die Bush-Administration sich bereit erklärt, die Lieferung
von Ersatzteilen für die iranischen Boeing-Flugzeuge zuzulassen sowie das
Beitrittsbegehren Irans zur Welthandelsorganisation (WTO) zu unterstützen. Damals galt
als Vorbedingung allerdings noch die Forderung, dass Teheran endgültig und vollständig
auf die Urananreicherung verzichtet. Das Angebotspaket an Teheran enthält - entgegen
anders lautenden Meldungen - keine militärischen Sicherheitsgarantien. Hierzu ist die
Bush-Administration weiterhin nicht bereit. Für den Fall einer Ablehnung durch Teheran
sieht das Angebotspaket unter anderem ein Waffenembargo gegen Iran sowie Reise- und
Visabeschränkungen vor.
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