Tagesschau.de
07. Januar 2005


Die handfesten Interessen der Geberländer

Andreas Zumach

In den ersten zehn Tagen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Indischen Ozean haben 28 Regierungen, die EU-Kommission und die Weltbank Hilfsgelder in Milliardenhöhe zugesagt. Die vier größten Geberländer - Deutschland, Japan, USA, Australien - sowie China und das selber von der Sturmflut schwer betroffene Indien verbinden mit ihren humanitären Hilfsleistungen handfeste politische, wirtschaftliche und geostrategische Interessen in der Katastrophenregion. Weitgehend deckungsgleich - zumindest auf den ersten Blick - sind die Interessen der genannten Länder mit Blick auf Indonesien, das bevölkerungsreichste islamische Land der Welt.


Die Image-Kampagne

Es geht darum, das Image des Westens bei den Muslimen zu verbessern und der islamistischen Rebellengruppe in der am schwersten von der Sturmflut getroffenen Provinz Aceh das Propagandawasser abzugraben sowie ihre Unterstützung für gleichgesinnte Organisationen in Malaysia und Thailand zu unterbinden. Die zwischen der rohstoffreichen Aceh-Provinz und Malaysia verlaufende "Strait of Malacca" ist eine der strategisch wichtigsten Seeverbindungen zwischen der Golfregion, Europa und Ostasien. Über diese zunehmend von Piraten bedrohte Seestrasse erfolgt ein Großteil der Ölversorgung Japans, Chinas, Südkoreas und Taiwans, die in Gegenrichtung ihre Exporte nach Europa verschiffen.

"Wir zeigen, dass die USA keine anti-muslemische Nation sind und demonstrieren amerikanische Großzügigkeit und amerikanische Werte in Aktion", begründete der scheidende US-Außenminister Colin Powell die mit den Hilfsleistungen der USA verbundene größte Militäroperation im südlichen Asien seit dem Vietnamkrieg. Dieser Einsatz, so Powell, könne "jenen Ressentiments entgegenwirken, die ein Nährboden des Terrorismus sind und dient daher auch dem eigenen amerikanischen Sicherheitsinteresse".


Militärpräsenz in Südostasien

Washington hofft, dass aus der offziell zunächst nur auf ein halbes Jahr geplanten Militärpräsenz eine dauerhafte wird und Indonesien und Malaysia ihren bislang strikten Widerstand gegen US-amerikanische Militärbasen beiderseits der "Strait of Malacca" aufgeben werden.

Ähnliche Kalküle verfolgen Japan, Australien und Deutschland, die im Zuge ihrer Nothilfemaßnahmen ebenfalls militärische Kapazitäten nach Indonesien verlagert haben. Australien erhebt seit den Terroranschlägen gegen eigene Staatsbürger und Diplomaten auf Bali und in Jakarta ganz offen den Anspruch auf die Zuständigkeit für Kriseninterventionen in der Region.

Zur Untermauerung dieses Anspruches will die Regierung in Canberra in den nächsten vier Jahren das größte Aufrüstungsprogramm in der australischen Geschichte realisieren. Die Regierung in Tokio markiert mit der Entsendung von 800 Soldaten - der größten Auslandsoperation seit dem Zweiten Weltkrieg - erstmals militärische Präsenz in einer für Japan strategisch bedeutsamen Region.


Waffenhandel und Militärkooperation

Hinter den Kulissen geht es für alle Beteiligten in Konkurrenz zu einander darum, ihre Chancen für Waffenverkäufe an Indonesien und andere Staaten Südostasiens zu verbessern. Die Bundesregierung, die zunächst ein Bundeswehrlazarett in Aceh etabliert hat, hofft auf eine Wiederaufnahme der militärischen Ausbildungshilfe und der Rüstungskooperation mit Jakarta, die nach dem Ende der Suharto-Diktatur weitgehend eingestellt wurden.


Indien verfolgt eigene Ziele

Indien hat einerseits ausländische Nothilfe - und insbesonders jegliche ausländische Militärpräsenz - abgelehnt. Gleichzeitig und zum Teil unter scharfer Kritik der Medien hat die Regierung in New Delhi umfangreiche Nothilfemaßnahmen für die zu Indien gehörenden Insel-Gruppen der Andamanen und Nicobaren sowie für Sri Lanka eingeleitet. Die beiden Inselgruppen sind von erheblicher Bedeutung für Indien, das 95 Prozent seines Außenhandels und 84 Prozent seiner Erdölimporte auf dem Seeweg abwickelt.

Auf den Nikobaren überwachen die indischen Streitkräfte mit einem riesigen Radarsystem den gesamten Schiffsverkehr im nordöstlichen Indischen Ozean. Damit soll auch der Waffenschmuggel an die rund 60 Autonomie-und Sezessionsbewegungen im Nordosten Indiens sowie an die tamilischen Rebellen in Sri Lanka unterbunden werden. Mit seinen umfangreichen und hochmodernen Seestreitkräften sieht sich Indien als einziger strategischer Partner der USA bei der Sicherung von Seewegen und der Bekämpfung terroristischer Gruppen. Diese Selbstwahrnehmung entpricht allerdings nicht immer der Wahrnehmung Dritter.

Die Regierung in Sri Lanka zumindest erhofft sich von der militärischen Präsenz der USA langfristig größere Unabhängigkeit und mehr Spielraum gegenüber dem übermächtigen Nachbarn im Norden.