Die handfesten Interessen der Geberländer
Andreas Zumach
In den ersten zehn Tagen nach der verheerenden Flutkatastrophe im
Indischen Ozean haben 28 Regierungen, die EU-Kommission und die Weltbank
Hilfsgelder in Milliardenhöhe zugesagt. Die vier größten Geberländer
- Deutschland, Japan, USA, Australien - sowie China und das selber
von der Sturmflut schwer betroffene Indien verbinden mit ihren humanitären
Hilfsleistungen handfeste politische, wirtschaftliche und geostrategische
Interessen in der Katastrophenregion. Weitgehend deckungsgleich -
zumindest auf den ersten Blick - sind die Interessen der genannten
Länder mit Blick auf Indonesien, das bevölkerungsreichste islamische
Land der Welt.
Die Image-Kampagne
Es geht darum, das Image des Westens bei den Muslimen zu verbessern
und der islamistischen Rebellengruppe in der am schwersten von der
Sturmflut getroffenen Provinz Aceh das Propagandawasser abzugraben
sowie ihre Unterstützung für gleichgesinnte Organisationen in Malaysia
und Thailand zu unterbinden. Die zwischen der rohstoffreichen Aceh-Provinz
und Malaysia verlaufende "Strait of Malacca" ist eine der strategisch
wichtigsten Seeverbindungen zwischen der Golfregion, Europa und Ostasien.
Über diese zunehmend von Piraten bedrohte Seestrasse erfolgt ein Großteil
der Ölversorgung Japans, Chinas, Südkoreas und Taiwans, die in Gegenrichtung
ihre Exporte nach Europa verschiffen.
"Wir zeigen, dass die USA keine anti-muslemische Nation sind und
demonstrieren amerikanische Großzügigkeit und amerikanische Werte
in Aktion", begründete der scheidende US-Außenminister Colin Powell
die mit den Hilfsleistungen der USA verbundene größte Militäroperation
im südlichen Asien seit dem Vietnamkrieg. Dieser Einsatz, so Powell,
könne "jenen Ressentiments entgegenwirken, die ein Nährboden des Terrorismus
sind und dient daher auch dem eigenen amerikanischen Sicherheitsinteresse".
Militärpräsenz in Südostasien
Washington hofft, dass aus der offziell zunächst nur auf ein halbes
Jahr geplanten Militärpräsenz eine dauerhafte wird und Indonesien
und Malaysia ihren bislang strikten Widerstand gegen US-amerikanische
Militärbasen beiderseits der "Strait of Malacca" aufgeben werden.
Ähnliche Kalküle verfolgen Japan, Australien und Deutschland, die
im Zuge ihrer Nothilfemaßnahmen ebenfalls militärische Kapazitäten
nach Indonesien verlagert haben. Australien erhebt seit den Terroranschlägen
gegen eigene Staatsbürger und Diplomaten auf Bali und in Jakarta ganz
offen den Anspruch auf die Zuständigkeit für Kriseninterventionen
in der Region.
Zur Untermauerung dieses Anspruches will die Regierung in Canberra
in den nächsten vier Jahren das größte Aufrüstungsprogramm in der
australischen Geschichte realisieren. Die Regierung in Tokio markiert
mit der Entsendung von 800 Soldaten - der größten Auslandsoperation
seit dem Zweiten Weltkrieg - erstmals militärische Präsenz in einer
für Japan strategisch bedeutsamen Region.
Waffenhandel und Militärkooperation
Hinter den Kulissen geht es für alle Beteiligten in Konkurrenz zu
einander darum, ihre Chancen für Waffenverkäufe an Indonesien und
andere Staaten Südostasiens zu verbessern. Die Bundesregierung, die
zunächst ein Bundeswehrlazarett in Aceh etabliert hat, hofft auf eine
Wiederaufnahme der militärischen Ausbildungshilfe und der Rüstungskooperation
mit Jakarta, die nach dem Ende der Suharto-Diktatur weitgehend eingestellt
wurden.
Indien verfolgt eigene Ziele
Indien hat einerseits ausländische Nothilfe - und insbesonders jegliche
ausländische Militärpräsenz - abgelehnt. Gleichzeitig und zum Teil
unter scharfer Kritik der Medien hat die Regierung in New Delhi umfangreiche
Nothilfemaßnahmen für die zu Indien gehörenden Insel-Gruppen der Andamanen
und Nicobaren sowie für Sri Lanka eingeleitet. Die beiden Inselgruppen
sind von erheblicher Bedeutung für Indien, das 95 Prozent seines Außenhandels
und 84 Prozent seiner Erdölimporte auf dem Seeweg abwickelt.
Auf den Nikobaren überwachen die indischen Streitkräfte mit einem
riesigen Radarsystem den gesamten Schiffsverkehr im nordöstlichen
Indischen Ozean. Damit soll auch der Waffenschmuggel an die rund 60
Autonomie-und Sezessionsbewegungen im Nordosten Indiens sowie an die
tamilischen Rebellen in Sri Lanka unterbunden werden. Mit seinen umfangreichen
und hochmodernen Seestreitkräften sieht sich Indien als einziger strategischer
Partner der USA bei der Sicherung von Seewegen und der Bekämpfung
terroristischer Gruppen. Diese Selbstwahrnehmung entpricht allerdings
nicht immer der Wahrnehmung Dritter.
Die Regierung in Sri Lanka zumindest erhofft sich von der militärischen
Präsenz der USA langfristig größere Unabhängigkeit und mehr Spielraum
gegenüber dem übermächtigen Nachbarn im Norden.
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