TAZ
28. September 2005


England ist schuldig

Andreas Zumach

Die durch den im April 2004 aufgeflogenen Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghraib weltweit bekannt gewordene US-Soldatin Lynndie England ist wegen Misshandlung irakischer Häftlinge verurteilt worden. Ein Militärgericht im texanischen Fort Hood sprach die 22-Jährige am Montag in sechs von sieben Anklagepunkten schuldig. Die Verhandlungen über das Strafmaß begannen gestern. England drohen bis zu zehn Jahre Haft. Viele Fragen der fünf Geschworenen des Militärgerichts nach der Mitverantwortung der Gefängnisleitung in Abu Ghraib und des Pentagon blieben in dem Verfahren unbeantwortet. England zeigte während der Urteilsverkündigung keinerlei Regung und gab auch anschließend keinen Kommentar ab. Ihr Anwalt äußerte, angesichts der erdrückenden Beweislage, "Verständnis für das Urteil".

Die fünf Geschworenen des Militärgerichts - ausschließlich männliche Offiziere - befanden Lynndie England nach nur zweistündigen Beratungen einstimmig in vier Anklagepunkten der grausamen Misshandlung von Häftlingen für schuldig.

Als Beweismittel dienten die drei Fotos, die im April 2004 um die Welt gingen. Auf einem Bild hält England einen nackten irakischen Gefangenen wie einen Hund an der Leine, auf dem zweiten zeigt sie lachend auf die Genitalien eines nackten Gefangenen; und auf dem dritten Foto steht die Soldatin neben einer Pyramide aus nackten irakischen Häftlingen.

Verurteilt wurde England auch wegen unzüchtigen Verhaltens und der Verabredung zu einer Straftat. "Die Angeklagte wusste, was sie tat", erklärte der leitende Staatsanwalt des Militärgerichts, Hauptmann Chris Gravelin. "Sie lachte und machte Witze. Es machte ihr Spaß, sie war dabei, alles wegen ihres kranken Humors." Freigesprochen wurde England lediglich in einem Anklagepunkt, der ebenfalls auf Verschwörung zu einem Verbrechen lautete.

Englands Verteidiger Jonathan Crisp hatte einen Freispruch in allen Anklagepunkten gefordert mit der Begründung, seine Mandantin habe nur versucht, es ihrem damaligen Geliebten Charles Graner recht zu machen. Der ebenfalls als Wachsoldat in Abu Ghraib tätige Graner - seinerzeit der Vorgesetzte Englands - wurde von den Ermittlern als Anstifter zu den Misshandlungen bezeichnet. "Sie war ein Mitläufer, sie war verliebt in Graner", sagte der Anwalt. "Sie tat das, was er von ihr wollte."

Von den inzwischen wegen des Abu-Ghraib-Skandals verurteilten neun US-Soldaten erhielt Graner mit zehn Jahren die härteste Strafe. Zwei weitere Soldaten wurden zu zwei Jahren Haft verurteilt, die übrigen sechs kamen nach einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft straffrei davon. Gegen Mitglieder der oberen Militärführung der US-Streitkräfte im Irak wurden keine Anklagen erhoben.

Im April dieses Jahres sprach ein Untersuchungsausschuss des Pentagon den früheren Oberbefehlshaber im Irak, General Ricardo Sanchez, und drei weitere hohe Offiziere von jeder Verantwortung frei.

In dem Verfahren gegen England stellten die fünf Geschworenen zahlreiche Fragen nach Vorgaben und Anweisungen, die Wachsoldaten in Abu Ghraib und anderen Gefängnissen im Irak von vorgesetzten Stellen erhalten haben. Diese Fragen blieben sämtlich unbeantwortet.