UNO: Italien spricht von Erpressung
Andreas Zumach
Der Streit um eine Erweiterung des Weltsicherheitsrats verschärft sich: Die Regierung
in Rom erhebt Vorwürfe gegen Deutschland und seine G-4-Partner. Die Bundesregierung weist
diese zurück. Italien muss seine Behauptungen jetzt belegen.
Haben die G-4-Staaten Deutschland, Japan, Brasilien und Indien in ihrem Streben nach
einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zum Mittel der finanziellen Erpressung
hilfeabhängiger Entwicklungsländer gegriffen? Entsprechende Vorwürfe, die der
italienische UNO-Botschafter Marcello Spatafora in der Nacht zum Mittwoch vor der
Generalversammlung in New York erhob, wurden von Berlin und Tokio gestern zurückgewiesen.
Doch die Regierung in Rom behauptet, Beweise zu haben.
Spatafora hatte vor der Generalversammlung erklärt, "einer der G-4-Staaten"
habe am Montag vergangener Woche einem "armen Entwicklungsland" mit der
Streichung fest versprochener 460.000 US-Dollar (rund 385.000 Euro) für ein
Kinderhilfsprojekt sowie mit der Stornierung eines weiteren Entwicklungshilfevorhabens
gedroht, falls dieses Land in der UNO-Generalversammlung nicht den Resolutionsantrag der G
4 zur Erweiterung des Sicherheitsrates unterstütze. "Dieser Fall ist der letzte in
einer langen Reihe ähnlicher Fälle", erklärte der italienische Botschafter. Das
Instrument der Entwicklungshilfe einzusetzen, um politische Unterstützung von armen
Ländern zu erkaufen, sei ein "Akt der Erpressung".
Spatafora forderte UNO-Generalsekretär Kofi Annan und den Präsidenten der
Generalversammlung, Jean Ping, auf, das "unzulässige und unethische Verhalten"
der G-4-Staaten zu untersuchen, da dieses Verhalten "eine Schande und eine
Beleidigung der Würde aller UNO-Mitgliedsstaaten" darstelle.
Ein Sprecher des italienischen Außenministeriums in Rom legte gestern nach und sagte:
"Wir haben Beweise, sonst hätten wir den Fall nicht ins Rollen gebracht."
Allerdings habe die Regierung Berlusconi kein Interesse, Streit zu erzeugen, und werde
daher keine Namen nennen.
Ebendies wird in der New Yorker UNO-Zentrale jetzt allerdings von Italien erwartet.
Vorläufig gibt es unter Diplomaten und UNO-Journalisten nur Spekulationen. Sie
konzentrieren sich auf Japan und Deutschland, da Indien und Brasilien bislang nicht als
Entwicklungshilfegeber aufgetreten sind.
Der japanische UNO-Diplomat Kazuo Sunaga wies die Anschuldigungen als "völlig
unbegründet" zurück. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin, Jens Plötner,
sprach von "unhaltbaren Vorwürfen". Entwicklungshilfeministerin Heidemarie
Wieczorek-Zeul erklärte, die Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage. In New York sagte
Deutschlands UNO-Botschafter Gunter Pleuger, ein Botschafter aus der wesentlich von Rom
initiierten Staatengruppe "Vereint für Konsens" habe sich nach Spatafaros Rede
"für die Ausfälle" des Italieners entschuldigt.
Der "Konsensgruppe" gehören neben Italien bislang elf weitere Staaten an,
darunter Spanien, Kanada, Türkei, Argentinien, Mexiko und Pakistan. Sie hat einen
Resolutionsantrag eingebracht, der im Unterschied zum Antrag der G 4 eine Erweiterung des
Sicherheitsrates um zehn ausschließlich nichtständige Mitglieder fordert.
Seit Beginn der Debatte in der Generalversammlung über eine Reform des Sicherheitsrates
im Jahre 1994 hat sich Italien immer gegen die Schaffung neuer ständiger nationaler Sitze
ausgesprochen, insbesondere gegen einen permanenten Sitz für Deutschland. Lange Zeit
befürwortete Rom einen gemeinsamen Ratssitz für die EU. Ausschlaggebend für diese
Haltung sind grundsätzliche Erwägungen zur Demokratisierung und verbesserten
Repräsentanz des Sicherheitsrates. Hinzu kommen aber auch Motive der Konkurrenz zu
Deutschland.
|