Frontalangriff auf die UN
Kommentar von Andreas Zumach
Die Korrekturforderungen der Regierung George W. Bush für die Abschlusserklärung des
New Yorker UNO-Gipfels Mitte September sind ein fundamentaler Frontalangriff auf alle
Bemühungen, das Völkerrecht und die Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen zu
stärken.
Dass es Washington um die Sabotage dieser Bemühungen geht und nicht um kritische
Unterstützung, zeigt auch das beispiellose Vorgehen: An dem fünfmonatigen intensiven
Diskussionsprozess unter den UNO-Mitgliedsstaaten beteiligten sich die USA in keiner
Phase. Und nun, nach ihrem Ende, wird der aus diesem Prozess hervorgegangene
Beschlussentwurf in fast allen substanziellen Punkten von den USA verworfen - drei Wochen
vor der geplanten Verabschiedung. Damit wird der Beschluss unverbindlich und zur
belanglosen Sonntagsrede verwässert.
Niemand sollte sich der Illusion hingeben, hier sei lediglich John Bolton, der
UNO-Botschafter der USA, Amok gelaufen. Er ist zwar als langjähriger Hasser der UNO
bekannt. Doch an diesem Katalog zur Zerstörung fast aller wesentlichen Reformvorschläge
von Generalsekretär Kofi Annan wurde bereits vor der Berufung Boltons zum Botschafter
gearbeitet. Und der Katalog wurde im Außenministerium, im Pentagon sowie im Weißen Haus
abgesegnet.
Die anderen 190 UNO-Mitglieder haben jetzt die Wahl. Sie könnten endlich einmal
geschlossen Rückgrat und Selbstbewusstsein demonstrieren und den vorliegenden Entwurf
für die Gipfelerklärung auch ohne oder gegen die Stimme der USA beschließen. Sollten
sie jedoch zu Kreuze kriechen und sich in den verbleibenden zweieinhalb Wochen in
Verhandlungen mit der Bush-Regierung auf substanzielle Zugeständnisse einlassen, dann ist
der UNO-Gipfel gescheitert. Dann können die 176 Staats- und Regierungschefs, die bislang
ihre Reise nach New York angekündigt haben, auch gleich zu Hause bleiben. In diesem Fall
wäre Generalsekretär Annan von den Mitgliedsstaaten der UNO derart desavouiert, dass er
kaum mehr daran vorbeikäme, vorzeitig zurückzutreten, anstatt im Oktober den Gastgeber
für den 60. Geburtstag der UNO zu spielen.
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