Entscheidende Atomgespräche in Genf
Andreas Zumach
Bei einem hochrangigen Treffen zwischen EU und Iran geht es heute um die Zukunft der
Verhandlungen.
Die iranische Regierung hat in den vergangenen Tagen mehrfach angekündigt, ihr seit
über sechs Monaten eingefrorenes Programm zu Urananreicherung demnächst wieder
aufzunehmen. Damit würde sie den Verdacht im Westen verstärken, sie strebe Atomwaffen
an. Oder bleibt es doch bei der Suspendierung des Programms, wie von der EU erhofft -
zumindest bis zu den iranischen Präsidentschaftswahlen am 17. Juni?
Die Antwort auf diese Frage wird spätestens heute Abend aus Genf erwartet. In der
hiesigen UNO-Botschaft Irans treffen ab Mittag die Außenminister Frankreichs,
Großbritanniens und Deutschlands sowie der EU-Außenbeauftragte Javier Solana mit dem
Leiter des iranischen Atomprogramms Hassan Rohani zusammen. Eine derart hochrangige
Begegnung beider Seiten fand letztmals im November 2004 in Paris statt.
Bei diesem Treffen wurden Verhandlungen über eine intensivierte wirtschaftliche und
technologische Kooperation sowie über sicherheitspolitische Fragen vereinbart. Teheran
sagte für die Dauer der Verhandlungen die Aussetzung der Urananreicherung zu, da die EU
(und die USA) den Verdacht hegen, in den iranischen Anlagen werde Uran nicht nur
niedergradig für die atomare Energiegewinnung angereichert, die unter dem
Atomwaffenvertrag ausdrücklich erlaubt ist, sondern auch hochgradig für die verbotene
Produktion atomarer Waffen. Doch in bislang fünf Verhandlungsrunden auf Ebene hoher
Beamter beider Seiten wurden keine greifbaren Ergebnisse erzielt.
Für viele Beobachter kommt dies nicht überraschend. Denn das EU-Trio ging in diese
Verhandlungen mit der Forderung, Iran solle endgültig und vollständig auf das Verfahren
der Urananreicherung verzichten - selbst zum Zweck der Energiegewinnung. Diese Forderung
ist nicht nur für die derzeitige iranische Führung völlig unakzeptabel. Auch im
Parlament stößt sie bei Konservativen und Reformern auf fast geschlossene Ablehnung.
Fast einstimmig forderte das Parlament die Regierung letzte Woche auf, die
"fruchtlosen" Verhandlungen mit der EU zu beenden und die Urananreicherung
wieder aufzunehmen. "Die Aufgabe der Urananreicherung wäre dasselbe, als wenn wir
einen Teil unseres Territoriums abtreten würden" erklärte Expräsident Ali Akbar
Haschemi Rafsandschani, der beste Aussichten hat, am 17. Juni wieder in das höchste
Staatsamt gewählt zu werden.
Sollte Rohani heute in Genf trotz dieser Stimmungslage in Teheran erklären, dass es
vorläufig bei der Suspendierung der Urananreicherung bleibt, würden die Außenminister
Straw, Fischer und Barnier diesen Zeitgewinn als Erfolg verkünden. Verbunden mit der
stillen Hoffnung, dass die Haltung Irans nach den Wahlen am 17. Juni wieder flexibler
werde. Wenn Rohani allerdings den Rückzug Irans aus den Verhandlungen und die
Wiederaufnahme der Urananreicherung bekannt gibt, werden die USA schon morgen die von
Brüssel im April versprochene Unterstützung der EU für die Durchsetzung von Sanktionen
gegen Iran im UNO-Sicherheitsrat einfordern.
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