TAZ
14. Januar 2005


Folgenreiche Kriegslüge

Andreas Zumach

Lügen haben kurze Beine, manchmal aber eine erstaunlich lange Lebensdauer. Insbesondere dann, wenn sie einen völkerrechtswidrigen Krieg rechtfertigen sollen, der inzwischen im angegriffenen Land über 100.000 Zivilisten und eine unbekannte Zahl von Soldaten das Leben gekostet hat. Knapp zwei Jahre nach dem Irakkrieg haben die USA die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak eingestellt.

Die Existenz dieser Waffen hatte die Bush-Regierung selbst dann noch behauptet, als ihr eigener ehemaliger Chefwaffeninspekteur im Irak, Charles Duelfer, im Oktober letzten Jahres das Gegenteil feststellte. Doch das war vor der US-Präsidentschaftswahl, eine Aufgabe der Suche in der amerikanischen Öffentlichkeit hätte als Eingeständnis einer Lüge verstanden werden können - oder einer gravierenden und folgenschweren Fehleinschätzung. Das hätte die kriegskritischen Kräfte in den USA gestärkt und Bushs Wahlsieg gefährden können.

Inzwischen ist dieser Wahlsieg errungen und vom Kongress bestätigt. Da bot es sich an, das Kapitel mit den irakischen Massenvernichtungswaffen endlich zu schließen. Zumal für diejenigen US-Bürgerinnen und -Bürger, die Bushs Irakpolitik weiter unterstützen. Für sie ist die angebliche Kooperation des Regimes von Saddam Hussein mit dem Al-Qaida-Terrornetzwerk ausschlaggebend. Diese Verbindung war die zweite Kriegslüge der Bush-Administration. Sie ist bis heute erfolgreich, denn es ist der Regierung gelungen, einem Großteil der US-Bevölkerung Gewalt und Terror innerhalb des Iraks als Beweis zu verkaufen.

Nachdem Bush die Suche nach den irakischen Waffen eingestellt hat, steht sein treuester Kriegslügen-Verbündeter, Tony Blair, sehr einsam da. Der britische Premier hat bis zuletzt darauf beharrt, dass die Waffen existieren und gefunden werden. Ohne die USA wird Blair die Suche kaum fortsetzen. Das muss er seinem Volk erklären, und zwar möglichst so rechtzeitig vor den Parlamentswahlen im Mai, dass das Thema auch in Großbritannien bis dahin vergessen ist.

Wird das Kapitel irakische Massenvernichtungswaffen aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt verschwinden? Oder wird es in den Geschichtsbüchern in 30 oder 50 Jahren vorkommen? Und wenn ja, wo und wie? Ihm gebührt ein Platz neben den berüchtigten und folgenreichen Kriegslügen des 20. Jahrhunderts.