Lebensgefährliche Paranoia
Ohne Irakkrieg wäre Nordkorea nicht auf Atomwaffen angewiesen
Andreas Zumach
Nordkorea erklärt, die Atomwaffe zu haben. Iran will auf Urananreicherung nicht
verzichten. Ist der Versuch gescheitert, die weitere Verbreitung atomarer Waffen über
Israel, Indien und Pakistan hinaus durch Diplomatie und internationale Verträge zu
verhindern? Helfen nur noch militärische Schläge gegen die "Schurkenregime" in
Pjöngjang und Teheran, wie neokonservative Hardliner in Washington seit langem
suggerieren?
Keineswegs. Richtig ist: Die Regierungen Nordkoreas und Irans haben die Welt jahrelang
hinters Licht geführt. Heutigen Erklärungen und Versprechungen dieser beiden Regierungen
blind zu vertrauen, ist naiv und gefährlich. Richtig ist aber auch, dass in beiden
Ländern die Bestrebungen nach einer eigenen Atombewaffnung durch die Bedrohung von außen
massiv gefördert wurden.
Im Frühjahr 2001 wurden Iran und Nordkorea - gemeinsam mit Irak - von der
Bush-Administration als "Achse des Bösen" tituliert. Seitdem haben die USA
beide Staaten mehrfach zu einem potenziellen Ziel präventiver konventioneller und
nuklearer Militärschläge erklärt. Die Regierung Nordkoreas hat dies kaum anders
interpretieren können denn als Aufkündigung der vertraglichen Nichtangriffsgarantien,
die sie im Oktober 1994 von der Clinton-Administration erhalten hatte; damals im Gegenzug
für den Verzicht auf Atomwaffen. Der Irakkrieg hat die Bedrohungslage aus der Sicht
Pjöngjangs und Teherans verschärft. Er hat die Illusion gestärkt, nur eine eigene
Atombombe könne verlässlichen Schutz bieten.
Selbst wer darin eine unbegründete Paranoia sieht: Sie wird als Faktor ernst genommen
und überwunden werden müssen. Iran und Nordkorea werden nur auf Atomwaffen verzichten,
wenn sie völkerrechtlich verbindliche Nichtangriffsgarantien der USA erhalten - und wenn
ihnen die Unterwerfung unter internationale Kontrollen und der Verzicht auf die
Urananreicherung nicht einseitig abverlangt werden. Dies kann nur im Rahmen
nichtdiskriminierender multilateraler Abkommen geschehen, die für andere Staaten
gleichermaßen gelten.
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