Ein Vertrag zerbröselt
Andreas Zumach
Die Forderungen der USA und der EU an Iran widersprechen dem Atomwaffensperrvertrag.
Der Konflikt um das iranische Atomprogramm könnte der letzte Sargnagel für das Abkommen
werden.
Es ist gut möglich, dass Historiker den aktuellen Konflikt um das iranische
Atomprogramm einmal als letzten Sargnagel für den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von
Atomwaffen (Nonproliferation Treaty, NPT) einstufen werden. Der häufig auch als
"Atomwaffensperrvertrag" bezeichnete NPT kam im Jahre 1970 nur zu Stande durch
ein schon damals höchst umstrittenes politisches Tauschgeschäft: Die fünf ständigen
Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates - USA, Sowjetunion,China, Frankreich und
Großbritannien - wurden offiziell als die einzig legitimen Atomwaffenmächte anerkannt
und verpflichteten sich zur Abrüstung ihrer Arsenale (NPT, Art. 6); im Gegenzug
verzichtete der "Rest der Welt" auf die Anschaffung atomarer
Massenvernichtungswaffen, erhielt aber das uneingeschränkte Recht zur Nutzung aller
verfügbaren Technologien für die Gewinnung atomarer Energie in Anlagen, die von der
Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) kontrolliert werden.
Dieses politische Tauschgeschäft von 1970 hängt inzwischen nur noch an einem seidenen
Faden. Aus vier Gründen:
1) Mangelnde Vertragserfüllung oder offene Verstöße durch manche der inzwischen 188
NPT-Unterzeichnerstaaten:
- Statt ihre Abrüstungsverpflichtungen zu erfüllen, halten die fünf A-Waffen-Mächte in
ihren Militärstrategien weiterhin an diesen Massenvernichtungswaffen fest. Die USA
entwickeln darüber hinaus neue atomare Waffen und drohen anderen Staaten offen mit dem
"vorbeugenden" Ersteinsatz.
- Iran und andere Staaten haben zeitweise Atomanlagen betrieben, ohne dies der IAEO zu
melden. In einem Fall hat Iran ein paar Gramm Uran bis zum waffenfähigen Grad
hochangereichert.
- Die "nukleare Teilhabe" Deutschlands und anderer Nato-Staaten am Atomarsenal
der USA verstößt gegen den NPT.
2) Entwicklungen in einigen Nicht-Vertragsstaaten:
- Israel sowie die beiden verfeindeten Nachbarstaaten Indien und Pakistan sind dem NPT
nicht beigetreten. Alle drei sind inzwischen de facto Atomwaffenstaaten.
- Nordkorea ist 2003 aus dem NPT ausgetreten und hat im Frühjahr dieses Jahres
verkündet, es verfüge über einsatzfähige Atomsprengköpfe.
3) Kriege und Kriegsdrohungen der USA gegen Länder des Südens seit Ende des
Ost-West-Konflikts. Insbesondere der Irakkrieg vom Frühjahr 2003 sowie die unverhüllten
Kriegsdrohungen gegen "Schurkenstaaten" in der Nationalen Militärstrategie der
USA vom September 2002 sowie in anderen Regierungsdokumenten der Bush-Administration haben
in Ländern des Südens die Einschätzung gestärkt, die Anschaffung von Atomwaffen sei
die beste Versicherung gegen einen Angriff der USA.
4) Die NPT-widrigen Forderungen, die die USA und die EU im aktuellen Konflikt an Iran
richten. Die USA und die EU verlangen von Iran den dauerhaften Verzicht auf die Umwandlung
und die Anreicherung von Uran, obwohl beide Verfahren zum Zwecke der Energiegewinnung
durch den NPT erlaubt sind. Hinter dieser von Beginn an zum Scheitern verurteilten
Forderung steht die von der Bush-Administration vertretene und inzwischen von der EU
übernommene Behauptung, mit den Instrumenten des NPT lasse sich das iranische
Atomprogramm nicht verlässlich kontrollieren und daher ein Missbrauch der
Urananreicherung zur Entwicklung von Atomwaffen nicht verhindern.
Diese Behauptung Washingtons und Brüssels stellt den NPT grundsätzlich in Frage. Eine
Alternative wären die von IAEO-Chef Mohammed Baradei im Januar vorgeschlagen Maßnahmen
zur Stärkung des NPT: ein Zusatzprotokoll, das die Zugangs-und Kontrollmöglichkeiten der
IAEO-Inspekteure verbessert, sowie eine Vereinbarung, wonach das für die atomare
Energiegewinnung benötigte Spaltmaterial künftig nicht mehr in nationalen Anlagen
hergestellt wird, sondern in regionalen, von der IAEO betriebenen Einrichtungen. Beide
Vorschläge haben die USA abgelehnt, und die EU hat sich bislang nicht dafür engagiert.
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