Generelles Versagen an der UN-Spitze
Andreas Zumach
Der vierte Bericht der Volcker-Kommission über die Unregelmäßigkeiten des "Öl
für Lebensmittel"-Programms mit dem Irak attestiert der UNO Überforderung und
fordert eine Managementreform. Kritisiert werden auch die USA und Großbritannien.
Der UNO-Sicherheitsrat, Generalsekretär Kofi Annan sowie das beiden unterstellte
Management des inzwischen aufgelösten Irak-Hilfsprogramms "Öl für
Nahrungsmittel" (ÖfN) haben bei der Konzipierung, Durchführung und Kontrolle dieses
Programms versagt. Sie ließen Korruption und Verschwendung zu und ermöglichten dem
Regime des damaligen Diktators Saddam Hussein illegale Einnahmen von knapp 13 Milliarden
US-Dollar. Zu dieser Schlussfolgerung kommt die von Annan eingesetzte unabhängige
Untersuchungskommission unter Vorsitz des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker in
ihrem am Mittwoch in New York vorgelegten vierten Bericht.
Die Volcker-Kommission stellt zwar ausdrücklich fest, dass das Ziel des aus irakischen
Ölverkäufen finanzierten Programms - die unter den 1990 vom Sicherheitsrat verhängten
Wirtschaftssanktionen leidende Bevölkerung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen
humanitären Gütern zu versorgen - weitgehend erreicht wurde. Doch habe der
Sicherheitsrat bereits bei der Beschlussfassung des Programms einen schweren Fehler
gemacht: Die Auswahl der Abnehmerfirmen für irakisches Öl und der Lieferfirmen für
humanitäre Güter sowie den Abschluss der entsprechenden Handelsverträge überließ der
Rat dem irakischen Regime, anstatt diese Aufgabe der UNO-Zentrale zu übertragen. Zwar
räumte der Sicherheitsrat sich selbst das Recht ein, jeden einzelnen Liefervertrag zu
überprüfen und notfalls zu stornieren. Doch nahm der Rat diese Verantwortung nicht wahr
- nicht einmal in den über 70 Fällen, in denen UNO-Beamte ihn auf Manipulationen durch
Bagdad aufmerksam machten. So konnte das irakische Regime durch Vereinbarungen mit
Ölabnehmern wie mit Lieferanten humanitärer Güter über Preismanipulationen rund 1,8
Milliarden Dollar einnehmen. Wegen dieser illegalen Preisabsprachen ermittelt die
Volcker-Kommission derzeit gegen mehr als die Hälfte der 4.500 Firmen, die am
ÖfN-Programm teilnahmen. Die Vorlage ihrer Ermittlungsergebnisse hat die Kommission für
Mitte Oktober angekündigt.
Weit mehr illegale Einnahmen als durch die Manipulation des ÖfN-Programms - nämlich
10,99 Milliarden Dollar - verschaffte sich das Regime von Saddam Hussein durch den
Schmuggel von Öl in die Nachbarländer Türkei, Jordanien und Syrien. Die Kommission
kritisiert, dass dieser Schmuggel vom Sicherheitsrat nicht unterbunden wurde, obwohl er
sieben Jahre lang unter direkter Beobachtung der Luftstreitkräfte der beiden
Sicherheitsratsmitglieder USA und Großbritannien erfolgte. Die USA werden zudem
kritisiert, weil das State Department den Ölschmuggel an die Verbündeten Türkei und
Jordanien sogar ausdrücklich billigte.
Generalsekretär Annan hält die Kommission schwere Mängel und Nachlässigkeit bei der
Verwaltung des Programms vor. So habe er nicht rechtzeitig und nicht entschieden genug auf
Hinweise über Korruption und Unregelmäßigkeiten reagiert.
Die Kommission macht konkrete Vorschläge für eine Managementreform und fordert, dass
diese beim New Yorker UNO-Gipfel Mitte nächster Woche beschlossen werden. So verlangt die
Kommission etwa, dass der UNO-Generalsekretär künftig ausschließlich als Chefdiplomat
tätig ist. Alle operationellen Aufgaben der UNO soll hingegen sein von der
Vollversammlung zu wählender Stellvertreter leiten und überwachen.
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