Krieg droht auch ohne Sicherheitsrat
Atomstreit: US-Präsident Bush braucht dringend Erfolgsmeldungen
Kommentar von Andreas Zumach
Der Streit um das iranische Atomprogramm eskaliert weiter. Die Gefahr, dass die
Auseinandersetzung außer Kontrolle gerät, wird immer größer. Dabei ist keineswegs
sicher, ob der Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) den
erwarteten Antrag von USA und EU auf Anrufung des UN-Sicherheitsrats auch beschließt.
Denn Teheran ist zwar dem "dringenden Ersuchen" des Gouverneursrats nicht
gefolgt, zu seiner "freiwilligen Maßnahme" vom November 2004 zurückzukehren
und alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der Urananreicherung wieder zu suspendieren.
Politisch mag man das durchaus bedauern und kritisieren. Doch entgegen allen Behauptungen
aus Washington und Erklärungen von EU-Politikern verstößt Iran damit weder gegen den
Atomwaffensperrvertrag noch gegen das Pariser Abkommen mit der EU. Daher wird
möglicherweise eine Reihe von Mitgliedstaaten des Gouverneursrats weiterhin nicht bereit
sein, Iran vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Doch selbst wenn dies geschehen sollte:
Ein Beschluss konkreter Maßnahmen gegen Iran würde im Sicherheitsrat am Veto Chinas und
wahrscheinlich auch Russlands scheitern.
Eine derartige Blockade könnte die Bush-Regierung - ähnlich wie im Frühjahr 2003 im
Fall Irak - zur Rechtfertigung für ein unilaterales Vorgehen gegen Iran bis hin zu
gezielten Militärschlägen aus der Luft und von Kriegsschiffen gegen iranische
Atomanlagen nutzen. Zu derartigen militärischen Handlungen wären die US-Streitkräfte
trotz ihres derzeitigen Engagements im Irak durchaus in der Lage. Der politische Druck auf
Präsident Bush, gegenüber der "iranischen Bedrohung" Entschlossenheit zu
demonstrieren und damit das eigene Volk wieder hinter sich zu scharen, steigt in dem
Maße, wie Bush wegen seiner desaströsen Irakpolitik und jetzt zusätzlich auch wegen
seiner Fehler bei der Bewältigung der Hurrikankatastrophe von New Orleans immer mehr an
Popularität verliert. Und der Widerspruch aus Europa gegen ein militärisches Vorgehen
gegen Iran wird nach dem wahrscheinlichen Regierungswechsel in Berlin eher leiser als
lauter werden. Düstere Aussichten also für die kommenden Monate.
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