Keine Nato-Fahne in Bagdad
Die Allianz lehnt eine stärkere Rolle vorerst ab, unterstützt aber die Ausbildung
irakischer Sicherheitskräfte und schickt 3.500 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan
Andreas Zumach
Die 25 Staats- und Regierungschefs der Nato haben auf ihrem Gipfel in Istanbul sowohl
die Unterstützung Iraks bei der Ausbildung von Soldaten und Polizisten beschlossen wie
die Ausweitung des Einsatzes in Afghanistan und die Aufstockung der dortigen Truppen um
ein Drittel. "Wir haben heute beschlossen, der irakischen Regierung die Hilfe der
Nato bei der Ausbildung ihrer Sicherheitskräfte anzubieten", heißt es in dem
gestrigen Beschluss, mit dem die Allianz auf ein schriftliches Ersuchen des neuen
irakischen Regierungschefs Ajad Allawi reagierte.
Formulierungvorschläge der USA und Großbritanniens, die eine "zentrale
Rolle" der Nato vorsahen, fanden keine Mehrheit. Damit sei auch die "Absicht der
USA vom Tisch, in Bagdad die Nato-Fahne aufzuziehen", erklärte ein Mitglied der
französischen Delegation. Präsident Jacques Chirac wurde noch um einiges deutlicher.
"Jede Präsenz der Nato, jede Spur der Nato auf irakischem Boden ist als unangemessen
angesehen worden", sagte Chirac gestern. Frankreich sei zwar zur Ausbildung
irakischer Sicherheitskräfte bereit, "aber natürlich außerhalb des Iraks".
Auch blieben wichtige Einzelheiten der künftigen Ausbildungshilfe offen - vor allem die
Frage, wo diese Ausbildung stattfinden soll. Washington und London hatten auf eine
Ausbildung im Irak bestanden. Deutschland, Frankreich, Spanien und weitere Nato-Mitglieder
lehnen dies ab. Die Bundesregierung ist bereit, Ausbilder in Iraks Nachbarland Jordanien
zu schicken. Bundeskanzler Schröder zeigte sich zufrieden. "Uns reicht der gefundene
Kompromiss. Das ist das, was wir gemeinsam tragen können", sagte er. Deutsche
Soldaten werden auch weiterhin nicht im Irak zum Einsatz kommen, bekräftigte Schröder.
Die Einzelheiten der Ausbildungshilfe sollen nun von einem Stab im Brüsseler
Hauptquartier ausgearbeitete werden. Mit der Formulierung "Wir werden künftige
Anforderungen der irakischen Regierung prüfen" ließ der gestrige Beschluss auf
Drängen von US-Präsident Bush zumindest theoretisch die Möglichkeit für ein weiter
gehendes Engagement der Nato im Irak offen. In Afghanistan will die Nato das Einsatzgebiet
der von ihr geführten Internationalen Schutztruppe (Isaf) bis zu den für Mitte September
geplanten Wahlen auf mehrere Provinzen außerhalb der Hauptstadt Kabul ausweiten -
darunter im Norden des Landes in den Provinzen Masar-i-Scharif und Baghlan, in der Stadt
Feisabad und in der westlichen Stadt Herat.
Zu diesem Zweck soll die bisherige Truppenstärke der Isaf von 6.500 Soldaten auf
10.000 Soldaten aufgestockt werden. Im Norden und Westen Afghanistans sollen weitere
bewaffnete regionale Aufbauteams (PRT) etabliert werden. Bislang existiert erst ein
solches, von der Bundeswehr geführtes Aufbauteam in der Stadt Kundus. Für die
zusätzlichen Teams haben unter anderem Großbritannien, die Niederlande und Norwegen
zugesagt, wie auch Schweden und Finnland, die beide nicht Mitglied der Nato sind.
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