Gefährliche Verharmlosung
Abhörskandal: UN-Chef Kofi Annan sollte zurücktreten
Andreas Zumach
Sicher, Spaziergänge im Central Park können sehr schön sein.
Aber dass sich der Generalsekretär der Vereinten Nationen und
andere führende UN-MitarbeiterInnen erst aus ihren Büros
im Hochhaus am East River in New Yorks Grünanlage begeben müssen,
wenn sie vertrauliche Gespräche führen wollen, ist ein völlig
unakzeptabler Skandal.
Die jetzt bekannt gewordenen Abhörmaßnahmen werden auch
nicht dadurch akzeptabler, dass Ähnliches schon zu Zeiten von
Kofi Annans Vorgänger Butros Butros Ghali praktiziert wurde und
dass die Vereinigten Staaten bereits 1945 die Diplomaten sämtlicher
anderer 51 Mitgliedsstaaten der UNO-Gründungsversammlung in San
Francisco systematisch belauschten. Die fast schon zynische Gelassenheit,
mit der sich manche Zeitgenossen "nicht überrascht"
über die jüngsten Meldungen zeigen und zur Tagesordnung
übergehen wollen, ist eine gefährliche Verharmlosung dieser
Abhörpraktiken. Sie unterminieren die - ohnehin eingeschränkte
- Demokratie in der UNO und drohen sie vollends zu zerstören.
Mit dieser Einschätzung hat Clare Short, die diese Praktiken
durch ihren "empörenden Geheimnisverrat" (Tony Blair)
dankenswerterweise ans Licht der Öffentlichkeit brachte, völlig
Recht.
Short riskiert mit ihren Enthüllungen ein Strafverfahren und
den Verlust ihres Abgeordnetenmandats. In auffälligem Kontrast
zur Courage der britischen Exministerin steht die defensive, hilflos
wirkende Reaktion, mit der Kofi Annans Sprecher bislang auf den Skandal
reagiert haben. Der Hinweis auf die Illegalität der Abhörpraktiken
und die freundliche Bitte, diese Praktiken mögen aufhören,
dürften kaum etwas bewirken. Das ist keine angemessene Reaktion
auf ein hochpolitisches Problem.
Dieses Problem ist auch nicht mit technischen Maßnahmen zu
lösen, etwa der ständigen Nachrüstung der UNO-Zentrale
mit Anti-Abhör-Einrichtungen. Eine Wirkung und ein Ende der Abhörpraktiken
ließe sich nur dann erhoffen, wenn Kofi Annan zurückträte
aus Protest gegen die schwere Beschädigung seines Amtes und der
Weltorganisation insgesamt durch ständige Mitglieder des Sicherheitsrates.
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