Kompromiss über Wahltermin im Irak fraglich
Andreas Zumach
Mit dem Verweis auf technische Probleme hält der Chef der US-Besatzungsbehörde,
Paul Bremer, Wahlen im Irak frühestens ab März 2005 für
möglich. Dabei beruft er sich überraschend auf die UNO.
Doch die schweigt bislang
Die USA haben am Wochenende den Kompromiss über allgemeine,
freie Wahlen im Irak spätestens drei Monate nach der Einsetzung
einer Übergangsregierung am 30. Juni, der sich nach Vermittlungsbemühungen
der UNO abzeichnete, in Frage gestellt - überraschenderweise
unter Berufung auf die UNO. Laut dem Chef der US-Besatzungsbehörde
Paul Bremer gegenüber dem TV-Sender al-Arabija sind Wahlen frühestens
im Zeitraum März bis Juni 2005 möglich. Zur Begründung
führte er "wichtige technische Probleme" an - darunter
das Fehlen von Wählerverzeichnissen und einer Wahlgesetzgebung.
"Der Zeitbedarf zur Lösung dieser Probleme" so Bremer,
werde "von der UNO auf zwölf bis 15 Monate geschätzt."
In der New Yorker UNO-Zentrale war für diese Darstellung gestern
keine Bestätigung zu erhalten. UNO-Generalsekretär Kofi
Annan hatte vergangenen Donnerstag zwar die Position der Bush-Administration
unterstützt, wonach die bis dato vor allem von der schiitischen
Mehrheit geforderten Wahlen noch vor der von Washington für den
30. Juni geplanten Machtübergabe an eine vorläufige Regierung
in Bagdad "nicht möglich" seien. Auf eine Empfehlung
für einen konkreten Wahltermin nach dem 30. Juni hatte der UNO-Generalsekretär
aber auch auf mehrfache Nachfragen von Journalisten ausdrücklich
verzichtet.
Auch Annans Irak-Sondergesandter, Lakhdar Brahimi, der vorletzte
Woche im Irak die Möglichkeiten für Wahlen erkundet hatte,
hat bislang jede konkrete Festlegung vermieden. Kurz vor der Erklärung
Annans hatte aber der einflussreiche irakische Schiitenführer
Ali al-Sistani, mit dem Brahimi ausführliche Gespräche geführt
hatte, seine Forderung nach Wahlen noch vor dem 30. Juni aufgegeben
und erklärt, ein Wahltermin bis spätestens zum 30. September
sei "akzeptabel".
Durch diesen Ablauf der Ereignisse war der Eindruck entstanden, es
sei ein Kompromiss erzielt worden. Selbst wenn das so war, dürfte
dieser Kompromiss nach den Äußerungen Bremers nicht mehr
existieren. Und zwar unabhängig davon, ob sich der US-Verwalter
zu Recht oder zu Unrecht auf die UNO berufen hat - eine Frage, die
möglicherweise bereits heute geklärt wird.
Damit werden die Einigungsbemühungen auf ein Verfahren zur Bestimmung
einer provisorischen Regierung bis zum 30. Juni zusätzlich erschwert.
Annan hatte angekündigt, er wolle hierzu im Laufe dieser Woche
Vorschläge machen. Klar war nur, dass das von den USA vorgesehene
Modell zur Bestimmung dieser Regierung durch regionale und nationale
Versammlungen, in denen von Washington ausgesuchte Delegierte eine
Sperrminorität gehabt hätten, keine Chance mehr hat.
Als wahrscheinlichste Alternative zeichnete sich vergangene Woche
eine Erweiterung des 25-köpfigen provisorischen Regierungsrates
in Bagdad auf eine Nationalversammlung mit bis zu 125 Mitgliedern
ab. Diese Versammlung hätte die vorläufige Regierung zu
bestimmen. Unklar und heftig umstritten sind jedoch die Kriterien
für die Erweiterung des Regierungsrates.
Hinter der Absicht der Bush-Administration, freie Wahlen bis mindestens
März 2005 hinauszuzögern, stecken vor allem zwei Motive:
So soll der Urnengang nach den US-Präsidentenwahlen vom 2. November
stattfinden, damit etwaige Turbulenzen während und nach den irakischen
Wahlen bei den US-WählerInnen nicht den Eindruck einer zumindest
oberflächlichen Stabilisierung im Irak trübt, die sich Washington
von der Machtübergabe an eine vorläufige Regierung zum 30.
Juni erhofft. Zudem soll diese vorläufige Regierung genug Zeit
haben, die - teils völkerrechtswidrigen - Dekrete Bremers in
irakisches Recht umzusetzen.
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