Kollateralschaden Völkerrecht
Der Rote Kreuz-Besuch bei Saddam kommt zwei Monate zu spät
Andreas Zumach
Die USA haben endlich ihre völkerrechtliche Verpflichtung erfüllt
und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Zutritt zu
ihrem prominentesten Kriegsgefangenen gewährt: Saddam Hussein.
Nach den Bestimmungen der Genfer Konventionen hätte die Bush-Administration
eine ärztliche Untersuchung durch IKRK-Ärzte bereits unmittelbar
nach der Festnahme des Exdiktators durch US-Soldaten Mitte Dezember
letzten Jahres ermöglichen müssen - unabhängig davon,
ob Washington Saddam als "Kriegsgefangenen" einstufte oder
nicht. Denn die Bestimmungen der Genfer Konventionen über die
Zugangs-und Besuchsrechte des IKRK gelten unterschiedslos für
alle Personen - Zivilisten oder Militärs -, die in Kriegen oder
bewaffneten Konflikten festgenommen werden.
Doch bei einer Untersuchung gleich nach der Festnahme Mitte Dezember
hätte das Rote Kreuz möglicherweise Spuren von körperlicher
oder psychischer Misshandlung durch die US-Soldaten festgestellt.
Den Verdacht, dass es zu derartigen Misshandlungen während der
Festnahme oder auch bei anschließenden Verhören gekommen
ist, hat die Bush-Administration selbst ausgelöst mit ihrer bisherigen
Verweigerung der IKRK-Besuche. Diese war allerdings nur einer von
zahlreichen Verstößen gegen die Genfer Konventionen, deren
sich die USA im Zusammenhang mit dem Irakkrieg sowie im Rahmen ihrer
Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 schuldig
gemacht haben. Einige halten weiter an - etwa die Behandlung der rund
600 Gefangenen auf der US-Militärbasis Guantánamo sowie
zahlreiche Verfügungen des Chefs der US-Besatzungsbehörde
im Irak, Paul Bremer, in den vergangenen acht Monaten.
In der Summe sind die US-Verstöße gegen die Genfer Konventionen
der schwerste Anschlag auf diese Kernbestimmungen des humanitärenVölkerrechts,
den ein demokratisches Land seit Ende des Kalten Krieges verübt
hat. Die Kritik an diesen Verstößen ist viel zu leise.
Ändert sich das nicht, könnten die Genfer Konventionen,
die aus den bitteren Erfahrungen der beiden Weltkriege entstanden
sind, zum Kollateralschaden des Irakkrieges und des "Krieges
gegen den Terrorismus" werden
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