Zauberformel für den Erstschlag
Andreas Zumach
Der Krieg der USA und Großbritanniens gegen Irak ist vielfach pauschal
als "Niederlage der UNO" interpretiert worden. Doch diese
Beurteilung lässt die sechsmonatige Phase vor Kriegsbeginn außer
Acht. Am 12. September 2002 hatte US-Präsident George Bush die
Vereinten Nationen in einer Rede vor der Generalversammlung zur Unterstützung
eines militärischen Vorgehens gegen Irak aufgerufen. In den folgenden
sechs Monaten gelang es den USA und Großbritannien jedoch trotz
intensiver Bemühungen nicht, im UNO-Sicherheitsrat eine Resolution
zur Kriegsermächtigung durchzusetzen. Aus der Resolution 1441
vom 8. November 2002 lässt sich - entgegen allen anders lautenden
Behauptungen Washingtons und Londons und den Aussagen mancher CDU-PolitikerInnen
- auch mit noch so abenteuerlichen Interpretationskünsten keine
völkerrechtliche Legitimation für den Krieg ableiten.
Anschlag aufs Völkerrecht
Dies schon allein deshalb nicht, weil die drei anderen ständigen
Mitglieder des Sicherheitsrates -Frankreich, Russland und China
- ihre schließliche Zustimmung zur Resolution nach siebenwöchigen
intensiven Verhandlungen mit einer schriftlichen Note verbanden,
in der sie einer solchen Interpretation ausdrücklich widersprachen.
Sie machten für etwaige militärische Maßnahmen gegen
den Irak zur Bedingung, dass der Sicherheitsrat eine zweite Resolution
mit einer ausdrücklichen Ermächtigung verabschieden müsse.
Diese zweite Resolution kam jedoch nicht zustande - trotz heftiger
Einschüchterung, Erpressungsversuchen und Nötigung der
Ratsmitglieder Angola, Kamerun, Neuguinea, Chile, Mexiko und Pakistan
durch die Bush-Administration. Und es half auch nicht, dass - wie
inzwischen durch Dokumente und Zeugenaussagen belegt ist - die USA
und Großbritannien in den Wochen vor Kriegsbeginn sowohl die
Botschaftsgebäude und Diplomaten dieser sechs Länder (sowie
nach taz-Information auch Deutschlands) als auch den Generalsekretär
der Vereinten Nationen, Kofi Annan, abhörten.
Zusätzlich zum Widerstand im Sicherheitsrat sprachen sich
bei drei für alle Mitglieder der Generalversammlung offenen
Debatten des Rates zwischen Oktober 2002 und Februar 2003 von den
über 120 teilnehmenden Staaten jeweils mehr als 90 Prozent
entschieden gegen einen Krieg aus. Das alles lässt sich als
eine schwere diplomatische Niederlage der USA interpretieren und
als Sieg der UNO über ihr gewichtigstes Mitglied.
Dennoch war der Krieg, den Washington und London geführt haben,
der schwerste Anschlag auf das Völkerrecht und die UNO seit
ihrer Gründung im Jahre 1945. Zwar waren - mit vielleicht ein,
zwei Ausnahmen - sämtliche über 250 Kriege, die in den
letzten sechzig Jahren weltweit geführt wurden, ein Verstoß
gegen das Gewaltverbot der UNO-Charta. Doch niemals zuvor ist ein
solcher Verstoß so kalkuliert und unter so absichtsvoller
Missachtung des Willens der überragenden Mehrheit der UNO-Mitgliedsstaaten
erfolgt wie im Fall des Irakkrieges. Und erstmals wurde ein Krieg
ausdrücklich unter Berufung auf eine militärische Präventivdoktrin
geführt.
Neue Präventivdoktrin
Damit sind das Völkerrecht und die Institution UNO grundsätzlich
in Frage gestellt. Doch auf diesen Umstand hat bislang lediglich UNO-Generalsekretär
Kofi Annan in seiner Eröffnungsrede zur Generalversammlung im September
2003 einigermaßen deutlich hingewiesen. Selbst einst erklärte
Kriegsgegner unter den UNO-Mitgliedsregierungen halten sich mit Kritik
an der Präventivkriegsdoktrin wie auch grundsätzlich an der
Völkerrechtswidrigkeit des Krieges bislang auffallend zurück.
Das gilt insbesonders für die rot-grüne Koalition in
Berlin, von der derartige Kritik weder vor noch während oder
seit dem Krieg zu hören war. Hätte nämlich die Bundesregierung
den Krieg für völkerrechtswidrig erklärt, dann hätte
sie der Bush-Administration ihre umfangreichen logistischen und
militärischen Unterstützungsleistungen für diesen
Krieg verweigern müssen.
Inzwischen hat die Option auf den präventiven Einsatz militärischer
Mittel (ohne eindeutige Bindung an ein Mandat des Sicherheitsrates)
Eingang gefunden in die im Dezember 2003 verabschiedete neue Sicherheitsstrategie
der Europäischen Union. Russland und Frankreich planen bei
der derzeit laufenden Neuformulierung ihrer nationalen Militärstrategien
die ausdrückliche Aufnahme präventiver militärischer
Handlungsoptionen. "Präventivkrieg als Dauerzustand oder
Rückkehr zum Völkerrecht" lautet die historische
Alternative, vor der die internationale Staatenwelt seit dem Irakkrieg
steht.
Ein Entweder-oder-Situation, in der kein Kompromiss vorstellbar
ist. Dennoch hat UNO-Generalsekretär Annan eine Expertenkommission
damit beauftragt, bis zur nächsten Generalversammlung doch
noch eine Zauberformel zu finden mit Regeln für präventives
militärisches Handeln innerhalb der unveränderten Bestimmungen
der UNO-Charta.
Die erste, wichtigste und bei den Beratungen im UNO-Sicherheitsrat
einzige Begründung, mit der die Regierungen in Washington und
London ein militärisches Vorgehen gegen den Irak zu rechtfertigen
suchten, waren die angebliche Existenz und die laufende Entwicklung
irakischer Massenvernichtungswaffen (MVW). Diese Behauptungen haben
sich inzwischen nachweislich als Propagandalügen erwiesen.
Auch 1.400 Rüstungsinspektoren der USA haben nach bislang neunmonatiger
intensiver Suche im Irak keinerlei Beweise für das Vorhandensein
von Massenvernichtungswaffen gefunden. Die UNO-Waffeninspektoren
(Unmovik) und ihr Chef Hans Blix sind voll rehabilitiert. Der letzte,
Ende Februar veröffentlichte Bericht der Unmovik geht davon
aus, dass das Regime von Saddam Hussein seine MVW-Arsenale tatsächlich
nach dem Golfkrieg vom Frühjahr 1991 vernichtet und danach
keine neuen Waffen produziert hat.
Die öffentliche Diskussion über dieses Thema ist - nicht
nur in den USA - in den letzten Monaten weitgehend so geführt
worden, als wäre der Krieg völkerrechtskonform gewesen,
wenn inzwischen Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden worden
wären. Das ist falsch. Auch dann wäre der ohne Ermächtigung
des UNO-Sicherheitsrat geführte Krieg völkerrechtswidrig
gewesen.
Weiterhin vertuscht wird - zumindest gegenüber der breiten
Öffentlichkeit - die weitreichende Rüstungszusammenarbeit,
gerade auch im Bereich atomarer, chemischer und biologischer Waffen
sowie von Raketen, die die fünf ständigen Mitglieder des
UNO-Sicherheitsrates sowie die alte Bundesrepublik (West) von Ende
der Siebzigerjahre bis Mitte 1990 mit dem Regime von Saddam Hussein
betrieben haben - zumeist unter Verstoß gegen internationale
Rüstungskontrollabkommen und nationale Exportverbote. Die diesbezüglichen
Fakten sind umfassend und im Detail beschrieben in dem 12.000-seitigen
Bericht, den Bagdad Anfang Dezember 2002 dem UNO-Sicherheitsrat
übergeben hat.
Die Macht der Kanonen
Nach wie vor liegen die rund 9.000 Seiten dieses Berichtes, die
die Informationen über die Rüstungskooperation enthalten,
offiziell nur den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates
vor (ein Exemplar allerdings auch dem Autor). Die Ankündigung
von Bundesaußenminister Joschka Fischer von Mitte Dezember
2002, Deutschland werde als nichtständiges Mitglied des Rates
ebenfalls Einblick erhalten in diese 9.000 Seiten, ist bis heute
nicht Realität geworden. Auch die mit Blick auf die Zulieferer
von Saddam Husseins Rüstungsprogramm sehr aufschlussreichen
Berichte des ersten UNO-Waffeninspektionsteams (Unscom), das von
Mitte 1991 bis Ende 1998 im Irak war, werden im UNO-Hauptquartier
auf Wunsch der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates
sowie Deutschlands weiterhin unter Verschluss gehalten.
Nachdem US-Präsident Bush am 1. Mai 2003 das offizielle
Ende des Krieges verkündete, hat sich die UNO trotz aller
völkerrechtlichen Bedenken der Macht der Kanonen gebeugt.
In inzwischen vier neuen Irakresolutionen hat der Sicherheitsrat
die aus einem völkerrechtswidrigen Krieg hervorgegangene
ebenfalls völkerrechtswidrige Besatzungsmacht der USA und
Großbritanniens im Irak anerkannt. Resolutionen, die zumindest
von der Bush-Administration als nachträgliche Legitimierung
des Krieges durch die Vereinten Nationen interpretiert werden.
Praktisch spielen die UNO und ihre Unterorganisationen derzeit
keine Rolle im Irak. Auch alle humanitären Aktivitäten
wurden nach den Anschlägen auf die Bagdader UNO-Zentrale
im August und September 2003 eingestellt. Alle UNO-MitarbeiterInnen
haben das Land verlassen.
Die Wiederherstellung eines Mindestniveaus von Sicherheit im
Irak ist seitdem eine der beiden wichtigsten Vorbedingungen für
die Rückkehr von UNO-Personal. Die andere ist die Klärung
der politischen Rolle, die die Weltorganisation künftig im
Irak spielen soll - und unter der Rahmenbedingung einer fortgesetzten
amerikanisch-britischen Besatzung überhaupt spielen kann,
ohne lediglich als Anhängsel, Feigenblatt oder gar Handlager
dieser Besatzung erscheinen zu müssen.
Diese Frage ist seit Monaten im UNO-Sicherheitsrat ebenso umstritten
wie unter den Mitgliedern des Regierungsrates in Bagdad. Die Bemühungen
der USA und Großbritanniens, mithilfe einer neuen Irakresolution
des Rates den angekündigten Abzug der spanischen Truppen
aus dem Irak doch noch zu verhindern, erhöhen den Druck,
diese Frage endlich zu klären.
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