TAZ
15. Mai 2004


Lügen und Falschmeldungen

Hans Blix erzählt wenig Neues über die Waffeninspektionen und ihr Scheitern im Irak

Andreas Zumach

Wäre der Irakkonflikt anders verlaufen, wenn UNO-Generalsekretär Kofi Annan im Februar 2.000 nicht Hans Blix, sondern jemand anderen zum Chef der neu gegründeten "Überwachungs-, Verifikations- und Inspektionsmission der UNO im Irak" (Unmovik) berufen hätte? Jemanden, der dem Druck und den Manipulationsversuchen der Regierung Bush stärker nachgegeben hätte als Blix? Oder jemanden, der - anders als der diplomatische Schwede - diese Einflussnahme schon damals öffentlich benannt und zurückgewiesen hätte?

Diese Frage lässt sich auch nach Lektüre des Buches nicht schlüssig beantworten. Nach einführenden Kapiteln über seinen Abschied als Generaldirektor der IAEO, die internationalen Rüstungskontrollverträge für atomare, chemische und biologische Waffen sowie über die erste Phase von UNO-Inspektionen im Irak zwischen 1991 und 1998 folgt im wesentlichen Blix Tagebuch seiner drei Jahre als Unmovik-Chef. Bei der Rekrutierung seiner zunächst 100 Inspektoren und der Festlegung ihrer Aufgaben, Rechte und Pflichten setzte Blix damals gegen den Willen einiger Mächte im UNO-Sicherheitsrat zwei wichtige Prinzipien durch: die Inspektoren wurden ausschließlich aus UNO-Personal rekrutiert und durften nicht von nationalen Regierungen entsandt werden. Die Weitergabe von Inspektionserkenntnissen an nationale Geheimdienste war ihnen ausdrücklich und unter Strafe der sofortigen Entlassung untersagt.

Damit zog Blix die Lehren aus den schlechten Erfahrungen der früheren Waffeninspektionen. Deren US-amerikanische und britische Mitglieder waren fast ausschließlich Geheimdienstmitarbeiter und Militärs, die vor Ort im Irak gewonnene Erkenntnisse an ihre Heimatdienste CIA und MI6 weitergaben. Zudem kundschafteten sie bei ihrer Inspektionsarbeit auch Ziele für Luftangriffe aus. Diese Kapitel über die Vorbereitung auf die neue Mission im Irak gehören zu den interessantesten des Buches. Den größten Teil umfassen die Kapitel über die eigentliche Arbeitsphase der Unmovik im Irak zwischen November 2002 und März 2003. Parallel dazu geht es um die laufenden diplomatischen Auseinandersetzungen auf der New Yorker UNO-Bühne. Wer in jenen fünf Monaten aufmerksam die Nachrichten verfolgt hatte, erfährt hier jedoch nur wenig Unbekanntes.

Neu und aufschlussreich hingegen ist, was Blix über die problematische Rolle bestimmter, gemeinhin als seriös geltender Zeitungen in jener Zeit schreibt. Namentlich erwähnt er die Hetzartikel des New Yorker Korrespondenten der Londoner Times, James Bone, der Blix mehrfach und ohne irgendeinen Beweis vorhielt, er halte die "rauchenden Colts" - also Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen - bewusst versteckt und belüge den Sicherheitsrat, um einen Krieg zu verhindern. Schließlich forderte der Journalist Blix sogar auf, sich "die rauchenden Colts selber an den Kopf zu setzen" und zurückzutreten. Aber auch die Washington Post und die New York Times finden kritische Erwähnung, weil sie - offenkundig informiert aus Bushs Kabinett - mehrfach falsch über den Inhalt vertraulicher Vieraugengesprächen zwischen Blix und US-Außenminister Colin Powell oder Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice berichteten.

Nach mehrfachen, durch zahlreiche Wiederholungen manchmal langatmigen Anläufen kommt Blix schließlich am Ende seines Buches zu der Erkenntnis, zu der viele Beobachter bereits im Frühjahr 2003 gelangt sind: Sämtliche Behauptungen der USA und Großbritanniens über irakische Massenvernichtungswaffen waren falsch. Mindestens 90 Prozent der ehemals vorhandenen ABC-Waffen im Irak seien bereits nach dem zweiten Golfkrieg 1991 zerstört worden. Es habe also gestimmt, was der ehemalige Rüstungsminister, Saddam Husseins Schwiegersohn Hussein Kamal, in seinem ausführlichen Verhör durch die Chefinspektoren der Unscom im August 1995 aussagte. Warum das Protokoll dieses Verhörs fast acht Jahre unter Verschluss gehalten wurde (die taz veröffentlichte wesentliche Passagen im Februar 2.003) - diese nach wie vor interessante Frage beantwortet Blix nicht.