Die UNO spielt bei Regierungsbildung im Irak keine Rolle
Die Desavouierung des UNO-Sonderbeauftragten Brahimi trifft auch dessen Chef Annan.
Allawi war einst Quelle für eine der infamsten Kriegslügen.
Andreas Zumach
Seit Mitte April hatte sich Lakhdar Brahimi, der Irak-Sonderbeauftragte von
UNO-Generalsekretär Kofi Annan, in hunderten Gesprächen um die Bildung einer künftigen
irakischen Interimsregierung bemüht. Eigentlich sollte Brahimi die Namen des
Regierungschefs und seiner 26 Minister sowie die Mitglieder einer dreiköpfigen
Präsidentschaft Iraks Ende Mai im Paket der Öffentlichkeit präsentieren. So verkündete
es noch Montag letzter Woche US-Präsident George Bush.
Auch Kritiker des Irakkrieges und der anglo-amerikanischen Besatzungspolitik bezogen
sich zuletzt immer wieder positiv auf die angekündigten "Vorschläge des
UNO-Sondergesandten". Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte Brahimis Namensliste
letzte Woche zum wichtigen Maßstab für die "Glaubwürdigkeit" der geplanten
"Machtübergabe an eine souveräne Regierung", zu deren Absegnung Bush und Blair
ja eine neue UNO-Resolution verlangen. Noch bei dem Telefonat Schröders mit Bush am
Pfingstmontag, bei dem der US-Präsident die Unterstützung des Kanzlers für den Anfang
letzter Woche unterbreiteten anglo-amerikanischen Resolutionsentwurf einforderte, war
mehrfach von Brahimis Namensliste die Rede.
Dabei wussten Bush und Schröder zu diesem Zeitpunkt längst, dass es diese Namensliste
nicht geben würde. Und dass die UNO bei der Bildung der Interimsregierung keine Rolle
gespielt hat, die sich zur Rechtfertigung für künftige Entscheidungen, etwa im
Sicherheitsrat, heranziehen ließe.
Die Namen der 29 Regierungsmitglieder, die gestern in Bagdad verkündet wurden,
entsprechen weitgehend den Machtinteressen der im bisherigen provisorischen Regierungsrat
vertretenen Personen und Parteien sowie dem politischen Kalkül der Bush-Administration.
Das ursprüngliche Konzept Brahimis, die Interimsregierung vorrangig aus politisch
unabhängigen und in der Bevölkerung glaubwürdigen Experten zu bilden, statt nach
ethnischen, religiösen und parteipolitischen Kriterien, ist fast völlig gescheitert.
Bushs Botschafter Robert Blackwill, der an den Bemühungen Brahimis beteiligt war, trug
dieses Konzept angeblich mit. Die Desavouierung des UNO-Beauftragten und seines Konzepts
begann spätestens, als die Washington Post durch eine gezielte Indiskretion
Blackwills Anfang letzter Woche den Namen von Brahimis Kandidat für das Amt des
Regierungschefs, Hussein Schahristani, als angeblichen Wunschkandidaten der USA
veröffentlichte. Damit war Schahristani als Kandidat erledigt.
Auf Anweisung Blackwills und gegen den Willen Brahimis ernannte der provisorische
Regierungsrat am Freitag dann mit dem Schiiten Ajad Allawi eines seiner Mitglieder zum
künftigen Regierungschef. Der zumindest früher von den Geheimdiensten MI6 und CIA
finanzierte Allawi war einst Quelle für eine der spektakulärsten Lügen, mit denen die
Regierungen Bush und Blair den Irakkrieg zu rechtfertigen suchten: die Behauptung, das
Regime von Saddam Hussein könne innerhalb von 45 Minuten Europa mit
Massenvernichtungswaffen erreichen.
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