IRAK: Die UNO dient den USA und Grossbritannien nur als Feigenblatt
Bedingungen für das Weitermachen
Andreas Zumach
Der Schock über den verheerendsten Anschlag auf Einrichtungen
und Mitarbeiter der UNO seit ihrer Gründung im Jahre 1945 sitzt
tief. Doch eine Überraschung war dieser Angriff nicht. Er war
eine brutale, aber leider absehbare und von manchen prophezeite Konsequenz
aus dem bislang schwersten politischen Anschlag auf die UNO und das
Völkerrecht: dem amerikanisch-britischen Präventivkrieg
gegen Irak und der anschließenden Degradierung der UNO zum Feigenblatt
und einflusslosen Handlanger eines völkerrechtswidrigen Besatzungsregimes.
Nur wenn dieser Zusammenhang klar benannt wird und daraus grundsätzliche
Konsequenzen gezogen werden, lässt sich die Gefahr weiterer Anschläge
auf Einrichtungen und Mitarbeiter der UNO bannen. Bisher allerdings
wird dieser Zusammenhang mit Bekundungen des Entsetzens aus zahlreichen
Hauptstädten sowie mit Durchhalteparolen des UNO-Generalsekretärs
vernebelt.
Wer immer unmittelbar und eventuell als Drahtzieher im Hintergrund
für den Anschlag von Bagdad verantwortlich war: Es gibt in der
irakischen Bevölkerung bei aller Freude über die Beseitigung
des Regimes von Saddam Hussein eine weit verbreitete - wenn auch regional
unterschiedlich stark ausgeprägte - Ablehnung der US-Amerikaner
und Briten. Die Zerstörungen des Krieges und die von Washington
und London bis heute zum Teil verschwiegenen Opfer unter irakischen
Zivilisten und Militärs waren der Auslöser für diese
Haltung. Noch verstärkt haben den Unmut die rüde Art des
Besatzungsregimes und die bisherige Unfähigkeit der Besatzer,
wenigstens die überlebenswichtigen Infrastruktureinrichtungen
zu reparieren und das Versorgungsniveau zumindest wieder auf das seinerzeit
vom UNO-Programm "Öl für Nahrungsmittel" garantierte
Vorkriegsniveau zu heben. In diesem allgemeinen Unmut können
sich all jene sicher bewegen, die - mit welchen Motiven und Kalkülen
auch immer - zu aktiver Gewaltanwendung gegen die Besatzer bereit
sind.
Solange die UNO von vielen Irakern als einflussloses Feigenblatt
und Handlanger der amerikanisch-britischen Besatzer wahrgenommen wird,
ist auch sie Objekt dieses Unmutes, bleibt sie potenzielles Ziel weiterer
Anschläge. Die Debatte über verstärkte Schutzmaßnahmen
gegen Terroranschläge führt nicht weiter. Gerade die USA
haben in den letzten Jahren bei eigenen diplomatischen und militärischen
Einrichtungen im Ausland die Erfahrung gemacht, dass ein verlässlicher
Schutz vor Terroranschlägen auch mit noch so ausgeklügelten
und robusten Sicherheitsvorkehrungen nicht zu garantieren ist.
Als politisches Dilemma im Irak kommt hinzu, dass die UNO dort trotz
aller - spätestens seit den Sabotageakten gegen Ölpipelines
und der Erschießung eines dänischen Soldaten - erkannten
Notwendigkeit zu verschärften Sicherheitsvorkehrungen nicht an
einer starken US-Präsenz vor ihrem Hauptquartier interessiert
war. Dies hatte der jetzt getötete Missionschef Sergio de Mello
schon in seinem ersten Bericht höflich diplomatisch angedeutet:
Die Präsenz der beiden Besatzungsmächte ist das zentrale
Problem im Irak, und sie muss so schnell wie möglich beendet
werden.
Eine Chance auf Veränderung der verfahrenen Lage besteht erst,
wenn die UNO im Irak die Federführung in den Bereichen übernimmt,
die für das Alltagsleben der Iraker bedeutsam sind: die Lösung
militärischer und polizeilicher Fragen, politische, wirtschaftliche
und humanitäre Aufgaben. Das heißt auch: Die UNO muss mit
Polizisten und Soldaten aus Ländern, die nicht am Krieg beteiligt
waren, die amerikanisch-britischen Truppen ablösen und die öffentliche
Sicherheit im Irak gewährleisten. Erst im Kontext eines solchen
umfassenden Mandats für die UNO ist auch die Debatte über
ein verstärktes ziviles oder gar militärisches Engagement
Deutschlands im Irak sinnvoll.
Solange aber Washington und London verhindern, dass die Vereinten
Nationen diese Federführung übernehmen, sollte die Organisation
ihre Arbeit im Irak einstellen. Je länger eine weitgehende Bevollmächtigung
der UNO hinausgezögert wird, desto mehr wird die von einigen
Gruppen geschürte pauschale Propaganda gegen "alle Ausländer"
in den Köpfen von immer mehr IrakerInnen auf fruchtbaren Boden
fallen. Und dann hätte auch die UNO eines Tages keine Chance
mehr.
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