Streit um weltweiten Agrarmarkt
WTO-Länder fürchten, eigene Bauern werden geschwächt,
wenn der Agrarmarkt geöffnet wird. So reicht vielen die EU-Reform
nicht, Subventionen sollen weiter runter. Derweil sind sich die Länder
des Südens nicht einig, welche Schutzzölle sie brauchen
Andreas Zumach
Knapp zwei Monate vor der nächsten Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation
(WTO) ist in der zentralen Frage, wie die Agrarmärkte geöffnet
werden können, keine Einigung in Sicht. Das geht aus dem Lagebericht
hervor, den der Vorsitzende des Agrar-Verhandlungsausschusses, Stuart
Harbinson, gestern in Genf den Delegationen der 144 WTO-Mitgliedstaaten
vorlegte.
Auch seit der verpassten Einigungsfrist Ende März, die die letzte
WTO-Ministerkonferz im November 2001 in Doha, Quatar, festgelegt hatte,
gab es trotz intensiver Verhandlungen in den drei umstrittenen Hauptfragen
- Marktzugang, interne Beihilfen und Exportsubventionen - keine Bewegung.
Die vor drei Wochen beschlossenen Maßnahmen der EU zur Reform
ihrer Landwirtschaftspolitik reichen den Kritikern der bisherigen
EU-Subventionspraxis in Afrika, Asien und Lateinamerika bei weitem
nicht. Die EU will ihre bislang auf Produktionssteigerung angelegten
Beihilfen für die Bauern bis zum Jahr 2015 ganz abbauen. Allerdings
enthält der Reformbeschluss zahlreiche Möglichkeiten für
nationale Sonderwege. Ohne eine Bereitschaft der EU, wie auch der
USA, ihre internen Beihilfen und die Exportsubventionen schneller
und weitgehender abzubauen, sind eine Reihe von Ländern des Südens
nicht bereit, ihrerseits Einfuhrzölle abzubauen. Mit denen schützen
sie bislang ihre lokale Landwirtschaft gegen Dumpingimporte der Weltmarktriesen
USA oder der EU. Die bisherige Erfahrung vieler Länder des Südens
zeigt, dass derartige Dumpingimporte zu einem erheblichen Preisverfall
auf dem einheimischen Markt führen und die Existenz lokaler Kleinbauern
zerstören. Damit wird die Fähigkeit vor allem der ärmeren
Länder Afrikas, die einheimische Bevölkerung aus eigener
Anstrengung zu ernähren, immer weiter zerstört und die Abhängigkeit
von ausländischen Agrarimporten zementiert. Neben zahlreichen
WTO-Mitgliedern aus Afrika wollen aber auch Staaten wie Indien, China,
Indonesien und die Phillippinen das Recht behalten, sich zumindest
im Einzelfall durch die Erhebung von Einfuhrzöllen gegen Dumpingimporte
zu schützen.
Die hauptsächlich Agrarprodukte exportierenden Mitglieder der
"Cairns-Gruppe" (Australien, Brasilien, Argentinien und
elf weitere Staaten) fürchten allerdings, dass derartige Schutzzölle
zu hoch angesetzt und zudem den für ihre Exporteure zunehmend
wichtigen Süd-Süd-Handel behindern werden. Außerdem
könnten die nördlichen Industriestaaten Schutzzölle
in Ländern des Südens zum Vorwand nehmen, um Exportsubventionen
aufrechtzuerhalten und ihrerseit landwirtschaftlichen Produkten aus
dem Süden keinen verbesserten Marktzugang zu gewähren.
In der Genfer WTO-Zentrale mehren sich die Stimmen, die eine Einigung
im Agrarsektor bis zum Ministertreffen in Cancun im September nicht
mehr für möglich halten. Allerdings möchte sich damit
niemand zitieren lassen.
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