Schweizer Wahlkrimi voller Spannung
Heute könnte das seit über fünfzig Jahren bewährte
eidgenössische Regierungssystem der Konkordanz fallen
Andreas Zumach
In der Schweiz interessiert seit Wochen nur ein Thema: der Wahlkrimi, der
heute Morgen um 8 Uhr im Berner Bundeshaus beginnt. Dabei geht es
- wie immer nach Parlamentswahlen - nur um die Neubestimmung des Bundesrates,
der siebenköpfigen Schweizer Regierung. Doch erstmals ist das
Konkordanz-Modell bedroht, nach dem sich die eidgenössische Regierung
seit über 50 Jahren aus Vertretern der vier stärksten Parteien
zusammensetzt: je zwei Mitglieder der Sozialdemokraten (SP), der mitte-
bis rechtsbürgerlichen Freisinnigen (FDP) und der Christlichen
Volkspartei (CVP) sowie aus einem Vertreter der rechtspopulistischen
Schweizer Volkspartei (SVP).
Nachdem die SVP, einst die kleinste Partei, bei den Wahlen Mitte
Oktober zum zweiten Mal seit 1999 die SP überholte und stärkste
Partei im Nationalrat (entspricht dem Deutschen Bundestag) wurde,
meldete SVP-Führungsfigur Christoph Blocher ultimativ den Anspruch
auf einen zweiten Sitz in der Regierung an. Nicht nur das: Blocher,
der markanteste und zugleich umstrittenste Politiker des Landes, verlangte
diesen zweiten Sitz für sich persönlich und forderte, die
CVP, die bei den Wahlen die wenigsten Mandate eroberte, müsse
einen ihrer bisherigen Sitze abtreten. Ansonsten gehe seine SVP in
die Opposition. Das wäre das Ende jeglicher Konkordanz.
Doch die CVP lehnte die Forderung von Blochers SVP ab. Auch die FDP
(drittstärkste Partei) und die SP beharren auf ihren beiden Sitzen.
Im Unterschied zu sonst scheiterten alle Versuche der Absprache. Und
falls gestern Abend nicht doch noch eine(r) der beiden CVP-Bundesräte
den Verzicht auf die Wiederwahl erklärt hat, beginnt heute Morgen
eine völlig offene und möglicherweise höchst chaotische
Abstimmungsschlacht.
Wahlgremium ist die Bundesversammlung, bestehend aus den 200 Mitgliedern
des Nationalrates und den 46 Abgeordneten des Ständerates (entspricht
dem Deutschen Bundesrat). Abgestimmt wird zunächst über
die sechs der sieben bisherigen Regierungsmitglieder, die erneut antreten
- und zwar nach der Reihenfolge ihrer Amtsdauer. Als einigermaßen
sicher gilt lediglich, dass in den ersten beiden Runden Verkehrsminister
Moritz Leuenberger (SP) und Innenminister Pascal Couchepin (FDP) die
zur Wiederwahl erforderliche Mehrheit von mindestens 124 Stimmen erhalten.
Doch in den Wahlrunden drei und vier will Blocher gegen die beiden
CVP-Minister Ruth Metzler (Justiz) und Joseph Deiss (Wirtschaft) antreten.
Gerechnet wird mit jeweils bis zu 20 Wahlgängen für diese
Runden. Dasselbe gilt für die Runden fünf (Verteidigungsminister
Samuel Schmid, SVP), sechs (Außenministerin Micheline Calmy-Rey,
SP) und sieben (Wahl eines Ersatzes für den abtretenden Finanzminister
Kaspar Villiger, FDP). In einer Wahlrunde zunächst unterlegene
KandidatInnen können in späterern Runden erneut antreten.
Gelingt es der Bundesversammlugn heute nicht, sieben Regierungsmitglieder
zu bestimmen, soll die Wahl am 19. 12. fortgesetzt werden.
|