WTO-Medikamentenstreit: Ein Kompromiss, der keiner ist
Ungleichbehandlung bleibt bestehen
Andreas Zumach
Oxfam, Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen haben mit
ihrer Kritik leider völlig Recht: Der Kompromiss im Medikamentenstreit,
dem der Generalrat der Welthandelsorganisation (WTO) nach vorheriger
Ablehnung nun doch noch zugestimmt hat, löst das zentrale Problem
nicht. Und das heißt nach wie vor: Hunderten Millionen Menschen
in den ärmeren Ländern des Südens wird die Versorgung
mit gesundheitsfördernden, oft gar lebensrettenden Medikamenten
verweigert, weil die westlichen Industriestaaten - in erster Linie
die USA, Deutschland, Japan und die Schweiz - die Milliardenprofite
ihrer Pharmakonzerne schützen.
Dieser unerträgliche Skandal hatte bei der letzten WTO-Ministerkonferenz
vor zwei Jahren in Doha immerhin zu der Grundsatzvereinbarung geführt,
dass der Zugang zu preislich erschwinglichen Medikamenten und die
Gewährleistung einer öffentlichen Gesundheitsversorgung
künftig Vorrang genießen sollen vor den Patentschutzinteressen
der Konzerne. Doch der hochkomplizierte Kompromiss vom Wochenende
mit all seinen hohen bürokratischen Hürden und schwer erfüllbaren
Bedingungen für den Import billiger Generika wird in der Praxis
auf das Gegenteil hinauslaufen - trotz aller anders lautenden Bekundungen.
Das zentrale Problem der Ungleichbehandlung bleibt bestehen: Herstellerländer
von Generika wie Brasilien oder Indien können von Bayer, Roche
und anderen multinationalen Pharmakonzernen Preissenkungen verlangen,
indem sie mit der Erteilung von Zwangslizenzen an die eigene Industrie
drohen. Schwächere Länder ohne eigene Generikaproduktion
wie Guatemala, Kenia oder die Philippinen können dies nicht und
bleiben bei dem Import von Generika auf die Zustimmung der WTO angewiesen.
Dennoch ist zu befürchten, dass der faule Kompromiss bei den
Medikamenten von den Industriestaaten dazu benutzt wird, den Ländern
des Südens bei der nächste Woche beginnenden WTO-Ministerkonferenz
im mexikanischen Cancun Konzessionen bei anderen Verhandlungsthemen
abzuverlangen.
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