Laudatio zur Verleihung des
Aachener Friedenspreises
01. September 2003


Laudatio bei der Verleihung des Aachener Friedenspreis 2003

(Es gilt das gesprochene Wort)

Andreas Zumach

Als mich Gerhard Diefenbach Ende Mai einlud, diese Laudatio zu halten, war dies der ungünstigste Moment für eine solche Anfrage. Zum erstenmal in den letzten 30 Jahren, seit ich mich als Aktivist und als Journalist für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung engagiere, war mein grundlegender Lebensoptimismus ernsthaft erschüttert: der völkerrechtswidrige Irakkrieg mit seinen - schon damals klar absehbaren - fatalen Auswirkungen nicht zuletzt auf den israelisch-palästinensischen Konflikt hatte stattgefunden - trotz aller guten Gegenargumente und weltweiten Proteste ; es war den beiden kriegsführenden Mächten gelungen, die eigene große Mitverantwortung für die Schaffung, die Aufrechterhaltung und die Aufrüstung der Diktatur Saddam Husseins seit Mitte der 70er Jahre zu unterschlagen und die - durchaus richtigen und wichtigen - Ziele einer Überwindung dieser Diktatur und der Durchsetzung der Menschenrechte im Irak zu missbrauchen als Begründung für einen Krieg, für den tatsächlich ganz andere Interessen ausschlaggebend waren; das Völkerrecht und die UNO waren durch diesen Krieg stärker beschädigt als je zuvor seit 1945; und schließlich hatten die ehemaligen Kriegsgegner im UNO-Sicherheitsrat - namentlich die rot-grüne Bundesregierung - nach Kriegsende Anfang Mai auf Opportunismus gegenüber der Bush-Administration umgeschaltet, anstatt den im Überlebensinteresse der ganzen Menschheit dringend erforderlichen Streit über die Präventivkriegs-Doktrin der USA weiter zu führen.

Dass ich in dieser Situation dennoch spontan meine Zusage für diese Laudatio gegeben habe, liegt an den diesjährigen Preisträgern, gemessen an deren Beharrlichkeit in widrigsten Umständen mir meine Depression über den Irak-Krieg schon fast wieder als Luxus erschien. Dazu kam, dass ich zumindest zwei der drei Preisträger bereits vor 21 Jahren persönlich kennen- und außerordentlich schätzen gelernt habe. Im Januar/Februar 1982 war ich zum ersten Mal in meinem Leben in Israel - mit einer Mitarbeitergruppe der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, in deren Westberliner Büro ich damals als friedenspolitischer Referent beschäftigt war. Unser Begleiter und sachkundiger Führer vor Ort war damals Reuven Moskovitz. Es war ein für die dortigen Verhältnisse ungewöhnlich kalter Winter mit tatsächlich einigen wenigen Zentimetern Schnee. Ich sehe Reuven noch vor mir, wie er am ersten Morgen nach unserer Ankunft in einer dicken grünen Parka in unserem Reisebus zustieg - irgendwo an der Landstrasse in der Nähe des von ihm 1972 mitbegründeten Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat al Salam, in dem israelische Juden und Palästinenser gleichberechtigt mit einander leben. Nach einer knappen, aber herzlichen Begrüßung begann Reuven ohne grosse Umschweife mit seinen Erläuterungen über die schon damals extrem angespannte Situation. Ruhig, präzise, engagiert - doch nie pathetisch und mit einer guten Prise hintergründigen Humors. Und obwohl Reuven in seinem Bemühen um die jüdisch-palästinensische wie die deutsch-israelische Aussöhnung Anfang der 80er Jahre bereits zahlreiche Reisen durch Israel und Deutschland organisiert und begleitet hatte, kam bei ihm nie das Gefühl von Routine auf. Ich war sehr beeindruckt. Und das obwohl ich damals seine Biographie noch gar nicht kannte: 1928 in dem Schtetl Frumsiaca im Norden Rumäniens geboren, überlebte er trotz Verfolgung und Vertreibung den Holocaust. 1947 wanderte Reuven Moskovitz in Palästina ein und wurde Mitbegründer des Kibbuz Misgav-Am an der libanesischen Grenze. Nach dem Studium der Geschichte und der hebräischen Literatur an den Universitäten in Jerusalem und Tel Aviv war er als Geschichtslehrer tätig. 1974 verbrachte er ein Forschungsjahr in Berlin, um seine Promotion zum Thema "Deutsche und Juden zwischen der Macht des Geistes und der Ohnmacht der Gewalt" zu schreiben - ein Thema, das knapp 30 Jahre später mindestens so aktuell ist, wie damals.

Seit fast vier Jahrzehnten gehört Reuven Moskovitz zu den unermüdlichen Warnern vor der Gefahr des eskalierenden Terrors und Gegenterrors im Nahen Osten. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurde er Sekretär der neu entstandenen Bewegung "Für Frieden und Sicherheit", die sich gegen die Annexion der von israelischen Truppen besetzten Gebiete und für eine sofortige Lösung des Flüchtlingsproblems, die gegenseitige Anerkennung Israels und der arabischen Staaten sowie für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung einsetzte.

Zu dem wesentlich von Reuven Moskovitz gestalteten Programm unserer Reise im Frühjahr 1982 gehörten neben dem Besuch von Neve Shalom und des Holocaust-Mahnmals Yad Vashem auch der Aufenthalt in mehreren palästinensischen Flüchtlingslagern. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zu unseren zahlreichen Gesprächspartnern und Partnerinnen damals auch schon Nabila Espanioly gehört hat, die ich bewusst erst heute hier in Aachen kennen gelernt habe. Sicher ist, dass die Begegnung mit Menschen, die zum Teil seit 1948 beziehungsweise seit ihrer Geburt in den Flüchtlingslagern lebten sowie die Gespräche mit Palästinenserinnen und Palästinensern, die sich ohne oder - wie Nabila - mit israelischem Pass - für einen gerechten Frieden einsetzen, zu den eindrücklichsten und nachhaltigsten Erfahrungen dieser Reise gehörten. Nabila Espanioly, geboren 1955 in Nazareth , hat in Bamberg Psychologie studiert und ist seit ihrer Rückkehr nach Nazareth Ende der 70er Jahre in der israelischen Friedensbewegung aktiv. Ihr Hauptanliegen ist es, palästinensische und jüdische Frauen in ihrem Bestreben nach Frieden zusammen zu bringen. Denn obwohl diese Frauen alle einen israelischen Pass haben und im Kernland Israel leben, gibt es im Ausland kaum Berührungsmöglichkeiten. Deshalb gründete Nabila die Gruppe "Jüdische -arabische Frauen für den Frieden" und ist auch Mitbegründerin der Gruppe der "Frauen in Schwarz" in Haifa sowie Vorsitzende von Mozavar, einer palästinensisch-jüdischen Frauengruppe für Menschenrechte. Die vom israelischen Erziehungsministerium herausgebrachten Kinderbücher und Spielmaterialien erscheinen auf hebräisch, gehen von jüdischen Lebensverhältnissen aus und berücksichtigen die Sprache und das kulturelle Erbe der Palästinenser nicht. Daher sieht Nabila in der Stärkung einer palästinensischen Identität die unerlässliche Grundlage für eine künftige multikulturelle Gesellschaft in Israel. Diesem Ziel dient das von ihr geleitete Nazareth Nurseries Institute, einer nicht profitorientierten, ehrenamtlichen Frauenorganisation, die 1984 gegründet wurde. Nach der Einrichtung einer Kinderkrippe folgte 1989 die Gründung des frauenpädagogischen Zentrums "Al Tufula" (zu deutsch: Kindheit). Hier können sich palästinensische Frauen aus den Dörfern zu Erzieherinnen ausbilden lassen, nicht nur um einen Beruf, sondern auch um Management zu erlernen und Selbstbewusstsein zu erwerben. Das Institut klärt die Frauen außerdem auf über ihre staatsbürgerlichen Rechte und leistet Hilfestellung bei deren Durchsetzung.

Gemeinsam mit Reuven Moskovitz leitet Nabila Espanioly Solidaritätsprogramme der Frauengruppen, um die eingeschlossenen Palästinenserinnen und ihre Kinder in der Westbank und im Gazastreifen mit Lebensmittel und mit Spielzeug zu versorgen. "Die einzige Belohnung, auf die ich warte, wäre ein wirklicher Friede" hat die unermüdliche Streiterin für einen solchen Frieden kürzlich in einem Interview erklärt und hinzugefügt, sie hätte zur heutigen Verleihung des Aachener Friedenspreises gerne noch zahlreiche Mitstreiterinnen mitgebracht, die "vielleicht noch mehr für den Frieden kämpfen".

Nabila Espanioly, Reuven Moskovitz - es ist mir eine ganz große Ehre, heute diese Laudatio halten zu dürfen auf Euch als Trägerin und Träger des diesjährigen internationalen Aachener Friedenspreises und als Botschafter und Vertreter all der Heldinnen und Helden in Eurem Land, die ihre Feinde zu Freunden gemacht haben.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr aus Israel nach Berlin im Februar 1982 erhielt ich einen Anruf der katholischen "Initiative Kirche von unten" mit der Bitte, meine Erfahrungen bei der Organisation der ersten großen Friedensdemonstration am 10. Oktober 1981 auf der Bonner Hofgartenwiese einzubringen in die Vorbereitung einer Friedensdemonstration, die anlässlich des Katholikentages im Juni 1982 in Düsseldorf stattfinden sollte. Ich habe das gerne getan und konnte so in den folgenden Monaten bis zum Katholikentag bereits eine Reihe der katholischen Ordensleute und Laien kennenlernen, die sich dann 1983 im Protest und Widerstand gegen die drohende Stationierung neuer Atomraketen gemeinsam mit evangelischen Geschwistern und mit Nicht-Christen zur "Initiative Ordensleute für den Frieden" zusammen geschlossen haben. Auch bei diesen Menschen beeindruckte mich ihre ruhige, uneitle Entschlossenheit, mit der sie ihre Überzeugung vertraten und bereit waren, diese Überzeugung auch in aktivem gewaltfreien Widerstand auszudrücken und dafür notfalls ins Gefängnis zu gehen. Ich kannte das bis dahin nur aus den USA, wo ich in den 70er Jahren die Gebrüder Berrigan getroffen und gemeinsam mit katholischen Nonnen für die Rechte und die Verbesserung der Lebensbedingungen unterdrückter mexiko-amerikanischer Landarbeiter gearbeitet hatte. Durch ihre Mahnwachen und Blockadeaktionen direkt am Ort des Unheils, am geplanten Stationierungsort der Cruise Missiles Raketen in Hasselbach im Hunsrück, haben die Ordensleute dazu beigetragen, dass derartige Formen des Protests und Widerstands, die damals Anfang der 80er Jahre nicht nur von der SPD/FDP-Regierung und vor allem von der CDU/CSU-Opposition als Gewalttaten verteufelt wurden, sondern die auch innerhalb der Friedensbewegung noch auf einige Skepsis stießen, inzwischen in Deutschland weitgehend akzeptiert sind.

Neben der Tatsache meiner frühen Begegnung mit ihnen, die ich als großes Privileg und Bereicherung empfinde, haben die Trägerinnen und Träger des diesjährigen Aachener Friedenspreises eine Gemeinsamkeit, die sie auszeichnet: das ist die Beharrlichkeit, mit der sie bei ihrem Engagement bleiben, trotz des Sisyphos-Charakters ihrer Bemühungen, trotz der scheinbaren Vergeblichkeit. Ich habe mich in den letzten 30 Jahren oft gefragt und mit Freunden häufig darüber diskutiert, welcher der zahlreichen regionalen Konflikte auf unserer Erde wohl der schwierigste und wo eine Lösung am wenigsten vorstellbar ist. Die Meinungen schwankten - natürlich immer auch beeinflusst vom jeweils eigenen Interesse und Engagement - zwischen dem Nahost - Konflikt, der Apartheid-Situation in Südafrika, dem Nordirland-Konflikt , der Teilung Zyperns sowie diversen postkolonialen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent.

Doch spätestens seit dem Golfkonflikt von 1990/91 - und damit vor dem Ende der Apartheid in Südafrika, vor der weitgehenden Deeskalation des Nordirland-Konflikts und der inzwischen erstmals ernsthaft seit dem Zypernkrieg des Jahres 1974 in Aussicht stehenden Überwindung der Teilung der Insel - bin ich der Ansicht, dass der Konflikt, dessen gerechter Lösung Reuven Moskovitz und Nabila Espanioly ihr Leben gewidmet haben, der schwierigste aller regionalen Konflikte dieser Erde ist. Die historischen Ausgangsbedingungen waren ohnehin die kompliziertesten. Doch der Golfkonflikt und -Krieg der Jahre 1990/91 mit all den Verwerfungen, die er in der Region wie auch in Deutschland verursachte, hat eine gerechte Lösung noch weiter erschwert. Die palästinensische Führung um Yassir Arafat machte den katastrophalen Fehler, sich in dem Konflikt auf die Seite Saddam Husseins zu schlagen. In Israel wuchsen nach dem Überfall Iraks auf Kuwait und angesichts des irakischen Arsenals an Massenvernichtungswaffen sowie der Scud-Raketenangriffe die Bedrohungsängste, die nach dem Krieg von Politiker instrumentalisiert wurden, die nicht zu einem gerechten Frieden mit den Palästinensern bereit waren.

Wer wie Reuven Moskovitz als Jude damals dennoch oder gerade wegen der Erfahrungen im Golfkonflikt umso dringlicher auf einem friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern beharrte, wurde als Nestbeschmutzer oder Verräter beschimpft. Im Mai 1991 schrieb er: "Ich habe mich entschlossen, aus Israel zum Evangelischen Kirchentag in Deutschland zu kommen und demonstrativ zu fasten, um Aufmerksamkeit für die furchtbare Situation in meinem Land Israel zu erregen."

Doch auch in Deutschland wurde Reuven damals mancherorts als Nestbeschmutzer verkannt und beschimpft. Denn die Regierung Kohl/Genscher - die selber die von der Friedensbewegung immer kritisierte Aufrüstung Iraks mit Massenvernichtungswaffen durch deutsche Firmen in den 80er Jahren geduldet oder gar aktiv gefördert hatte - diese Regierung hatte den Golfkonflikt missbraucht als Lackmusstest für eine unbedingte, kritiklose Solidarität mit der israelischen Regierungspolitik sowie zur Spaltung der Friedensbewegung, aus deren Reihen nun Rufe nach Waffenlieferungen an Israel laut wurden. In seinem Buch "Der lange Weg zum Frieden – Deutschland-Israel-Palästina" hat Reuven Moskovitz auf die tragische Verstrickung der drei Völker hingewiesen, die im Golfkonflikt der Jahre 1990/91 besonders schmerzhaft deutlich wurde. Doch Reuven belässt es nicht bei klagender Analyse, sondern benennt die aus dieser Verstrickung für Deutschland erwachsende Verantwortung, an einer Problemlösung aktiv mitzuwirken. Diese Verantwortung hieße zunächst einmal, dass auch in Deutschland Politiker wie auch die Kirchen gewisse Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen oder nicht mehr länger zu leugnen, die Reuven im Nachwort zur 3. Auflage seines Buches vom Mai 2.001 so beschreibt: "Die Friedensbemühungen im Nahen Osten scheinen gescheitert zu sein. Israel wird von einem verbissenen Kriegstreiber

und von klerikalen Abgeordneten regiert, deren geistlicher Führer für die Vernichtung der Palästinenser eintritt, die er gern mit Raketen bombardieren würde.* Gemeint war der damalige, inzwischen bei einem Selbstmordattentat ermordete Tourismusminister. "Können", so fragte Moskovitz damals , "können evangelische und katholische Geistliche mit gutem Gewissen empfehlen, in das Land Jesu zu reisen, in dem eine Pilgerurkunde von einem Tourismusminister unterschrieben wird, der für den Transfer der Palästinenser eintritt?" In einem Beitrag für die Berliner "tageszeitung" vom Dezember 2001 unter der Überschrift "Nicht nur Arafat verhindert den Frieden, sondern vor allem Israel", nennt Reuven Premierminister Ariel Sharon einen "Brandstifter" und beklagt, dass "eine Lawine falscher Informationen über die Welt rollt mit der Kernaussage, Palästinenserpräsident Arafat ist Schuld am Scheitern des Friedensprozesses im Nahen Osten. Als israelischer Jude muss ich leider sagen, dass die Schuld dafür hauptsächlich bei meiner Regierung liegt. Die Fortsetzung des Terrors hat nichts mit Arafat zu tun, sondern mit der von meinem Land betriebenen systematischen Zerstückelung der Palästinensergebiete. Es bedarf einer ernsthaften Intervention seitens der EU, um die Osloer Verträge von beiden Seiten aufrichtig zu verwirklichen. Sonst stehen nicht nur Israel und Palästina, sondern der ganze Nahe Osten und vielleicht auch Europa vor einem schrecklichen Brand. Das Feuer dafür hat nicht Arafat gelegt, sondern Sharon, der Mann, der heute Israel regiert."

Unter der Überschrift "Israel am Abgrund" mahnte Reuven im Februar 2002 in einem SPIEGEL-Artikel: "Deutschland muss seine Befangenheit überwinden und weitsichtig mitwirken an einem Frieden." Doch die Bundesregierung hat diese und ähnliche Appelle jüdischer Israelis bis heute überhört. Vor allem Außenminister Fischer benutzt immer wieder das Argument, wegen der historischen Verantwortung für den Holocaust müsse sich Deutschland Zurückhaltung auferlegen bei den Bemühungen um einen gerechten Frieden und vor allem bei der zur Erreichung dieses Ziels unerlässlichen Ausübung politischen Druck auf die Regierung Sharon. Im Namen der EU blockiert Fischer sogar die geringfügigsten Druckinstrumente, zu deren Anwendung die anderen 14 EU-Regierungen entschlossen sind. Darunter die Aussetzung des Abkommens über EU-Handelspräferenzen für Israel, solange Israel - unter eindeutigem Verstoß gegen dieses Abkommen - Waren aus den besetzten Gebieten falsch als israelische Produkte deklariert und in die EU exportiert. Dabei würde gerade die besondere deutsche Verantwortung für die gesicherte Existenz des Staates Israels Druck auf die Regierung Sharon erfordern. Denn nichts gefährdet diese Existenz mittelfristig stärker, als die Fortsetzung der Politik Sharons.Mindestens so sehr wie eine gerechte Friedenslösung im Nahen Osten ist auch das Ziel, dem sich die "Initiative Ordensleute für den Frieden" nach ihren anfänglichen Protest- und Widerstandsaktionen gegen die neuen Atomraketen in den 80er Jahren verschrieben haben, eine Sisyphos-Arbeit und scheinbar vergeblich: Die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems als der Quelle dauernder Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Über die Beschäftigung mit der weltweiten Schuldenkrise gelangten die Ordensleute Anfang der 90er Jahre zu der Erkenntnis, dass die Vermehrung des Geldvermögens durch Zins und Zinseszins und die Gewinnmaximierung um jeden Preis bewirken, dass nicht mehr für den Menschen produziert wird, sondern dass die Menschen nur noch gebraucht werden, soweit die Wirtschaft ihrer bedarf. Die Ordensleute brachten ihre Kritik gegen diese Form des von ihnen so bezeichneten "Kasino-Kapitalismus" nicht nur durch kluge Analysen und öffentliche Erklärungen zum Ausdruck, sondern mit symbolischen Aktionen. 1993 ketteten sich Mitglieder der Initiative unter dem Thema "Verschuldung = Versklavung" an den Eingängen der Deutschen Bank-Zentrale in Frankfurt an, wodurch diese für einige Zeit blockiert wurde. 1995 pflanzten sie- gemäss dem bekannten Lutherzitat - ein Apfelbäumchen vor der Deutschen Bank als Zeichen der Hoffnung, dass eben nicht der Kapitalismus, sondern die Gerechtigkeit das letzte Wort haben wird. (Das Apfelbäumchen steht noch heute - die Deutsche Bank allerdings auch). Und 1998 versuchten die Ordensleute das Sprichwort "Geld stinkt nicht" symbolhaft zu widerlegen, indem sie Jauche vor der Deutschen Bankfiliale auskippten.

Vor allem Anfang der 90er Jahre war derartige Kritik am Kapitalismus geradezu frevelhaft - am Kapitalismus, der doch mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme Osteuropas damals gerade seine historische Überlegenheit desorientiert hatte und sich anschickte zu einem weltweiten Siegeszug. "Alle werden profitieren" lautete der neoliberale Schlachtruf, mit dem 1993/94 das Abkommen der Uruguay-Welthandelsrunde besiegelt und die neue Welthandelsorganisation WTO aus der Taufe gehoben wurde. Die Globalisierung wurde zum - damals noch zumeist positiv verwendeten - Schlagwort in aller Munde. Auch zahlreiche ehemals linke Ökonomen verfielen in Schweigen oder konvertierten ganz offen zur neoliberalen Propaganda. Wer es, wie die Ordensleute, in dieser kapitalismuseuphorischen Phase der 90er Jahre noch wagte, sich kritisch zu dieser Wirtschaftsform zu äußern oder gar ihre Überwindung zu fordern, wurde als lernunfähiger Kommunist verfemt, ausgegrenzt, im besten Fall nachsichtig belächelt und nicht für ganz voll genommen. Allein dafür, dass sie in dieser schwierigen Phase den Kopf nicht in den Sand gesteckt haben, gebührt den Ordensleuten der Aachener Friedenspreis.

Zugleich mit dem Hohelied auf den alternativlosen Kasino-Kapitalismus wurde den Menschen von der neoliberalen Propaganda ihre eigene Ohnmacht eingeredet. In jedem zweiten oder dritten "Presseclub" des ARD-Fernsehens etwa wurde am Sonntagmorgen die "Standortdebatte" geführt und dem Publikum zumeist unwidersprochen eingetrichtert, der massive Abbau von Steuern, sozialen Leistungen und von sogenannten Lohnnebenkosten sei unerlässlich, damit Deutschland in der globalisierten Welt überhaupt noch mithalten könne. Zugleich lautete die Botschaft, dass Globalisierung ohnehin ein unabwendbares, alternativloses Schicksal sei, und nationale Regierungen oder Parlamente keinerlei Mitsprache-,Einfluss- oder Gestaltungsmöglichkeiten mehr hätten. Unter dem Schleier dieser Ohnmachtpropaganda konnten dann zumindest bislang tatsächlich sämtliche Liberalisierungsmaßnahmen im Rahmen der Welthandelsorganisation beschlossen und vollzogen werden, ohne dass - zumindest in den Staaten Westeuropas und Nordamerikas - die Parlamente oder darüber hinaus gar Gewerkschaften und andere Organisationen der Zivilgesellschaften an den Diskussionen und Entscheidungen beteiligt wurden. Inzwischen ist zumindest an der Propagandafront stellenweise Ernüchterung eingekehrt. Denn die Analysen und Warnungen der Ordensleute und anderer Kritiker des globalisierten Kasino-Kapitalismus haben sich - leider - als weitgehend zutreffend erwiesen. Dass bei weitem "nicht alle 146 Mitgliedsländer der Welthandelsorganisation von den Handelsliberalisierungen der 90er Jahre profitiert haben , wie noch vor zehn, elf Jahren prophezeit wurde, sondern nur eine kleine Minderheit zumeist nördlicher Industriestaaten - das räumen inzwischen selbst die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die WTO selber in ihren Studien ein. Zugleich - auch das belegen zahlreiche Untersuchungen der UNO- hat das Gefälle zwischen arm und reich in fast allen Ländern dieser Erde zugenommen - im Süden, wie im Norden. Einher gegangen ist diese Entwicklung in vielen Ländern - gerade auch in Deutschland - mit einer Verringerung des Steueraufkommens und dem Abbau öffentlicher Dienstleistungen sowie sozialer Versorgungssysteme und -leistungen, auf die in erster Linie die ärmeren Mitglieder der Gesellschaft zum Teil existentiell angewiesen sind.

Schließlich sind auch der Raubbau an der Natur und die gravierende Umweltzerstörung, die durch die Beschleunigung und Globalisierung des Kasino-Kapitalismus seit Ende des Kalten Krieges verursacht wurden, durch Daten und Fakten gut belegt. Doch neue Erkenntnisse und die Bestätigung von Warnungen aus den frühen 90er Jahren durch die Realität bedeuten noch längst keine veränderte Praxis. "Weiter so" ist das trostlose Motto fast aller Politiker mitten in der tiefsten Krise des Kapitalismus. Fast scheint es, als seien wir in früheren Jahrzehnten schon einmal weiter gewesen bei der Formulierung und Propagierung von Alternativen – etwa Ende der 70er Jahre, als der SPD-Politiker Erhard Eppler der Politik des unbegrenzten quantitativen Wachstums seines Kanzlers Helmut Schmidt die Forderung nach "qualitativem Wachstum" entgegensetzte und dann die Partei der Grünen entstand. Die "Ordensleute für den Frieden" werden also weiter dringend gebraucht , wenn es darum geht, über die - weiterhin dringend notwendige - Kritik am Kasino-Kapitalismus hinaus Alternativen zu entwickeln, öffentlich zu propagieren und diese Alternativen soweit als möglich auch im eigenen Lebensbereich zu praktizieren - um so anderen Menschen Mut zu machen zum Wagnis der Veränderung . Möge der diesjährige nationale Aachener Friedenspreis Sie darin bestärken, sich dieser Aufgabe auch weiterhin mit aller Kraft und Phantasie zu widmen.