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TAZ
29. Oktober 2002 |
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Schweigen mit tödlichen Folgen
Moskau verstösst mit dem Gaseinsatz gegen die Genfer Konvention
Andreas Zumach
Hat Russland bei der Geiselbefreiung in Moskau gegen zwei der
wichtigsten internationalen Rüstungskontrollabkommen
verstoßen und Bestimmungen des humanitären
Kriegsvölkerrechts ignoriert? Bislang hat das Gas den Tod von
mindestens 166 Menschen verursacht. Und weitere Todesopfer sind zu
befürchten.
Der Einsatz von Gasen mit tödlicher Wirkung wurde bereits
1925 mit dem Genfer Giftgasprotokoll weltweit geächtet. 1993
vereinbarte die Abrüstungskommission der UNO ein weltweites
Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Vertriebs von
Giftgasen und anderen Chemiewaffen. Russland hat beide Abkommen
ratifiziert.
Sollten die Spezialtruppen Giftgase eingesetzt haben, die unter
den Bestimmungen dieser Abkommen eindeutig verboten sind, wäre
das der erste bekannt gewordene Verstoß, seitdem die irakische
Regierung in den 80er-Jahren Chemiewaffen im Krieg gegen Iran und
gegen die Kurden im eigenen Land eingesetzt hat. Es ist aber auch
denkbar, dass Moskau eine problematische Grauzone des
Chemiewaffenverbots von 1993 ausgenutzt hat. Auf Drängen
zahlreicher Regierungen wurden seinerzeit Gase zur Bekämpfung
von Aufständen und Demonstrationen von einem Verbot ausgenommen:
so etwa das von der Polizei in vielen europäischen Staaten
benutzte CS-Reizgas. Kritiker dieser Ausnahmeregelung warnten schon
damals, dass auch solche angeblich harmlosen Gase bei entsprechend
hoher Konzentration oder wenn sie den Opfern aus unmittelbarer
Nähe direkt ins Gesicht gesprüht werden, tödlich
wirken können.
Welche Gase auch immer bei der Geiselbefreiungsaktion in Moskau
zum Einsatz kamen: Es ist auf alle Fälle ein klarer
Verstoß gegen die Genfer Konventionen. Diese von Russland
ebenfalls ratifizierten Grundregeln des humanitären
Völkerrechts machen den Schutz von Zivilisten sowohl in
zwischenstaatlichen Kriegen wie in innerstaatlichen Gewaltkonflikten
zum obersten Gebot. Und mit ihrer Weigerung, den Ärzten, die
verletzte Geiseln behandeln, alle relevanten Informationen über
das eingesetzte Gas zu liefern, setzt die Regierung Putin ihren
Verstoß gegen die Genfer Konventionen fort.
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