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TAZ
28. September 2002 |
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Gefährliche Entwicklung
Deutschland muss im Sicherheitsrat das Völkerrecht stärken
Andreas Zumach
Zum zweiten Mal seit der Wiedervereinigung und der Erlangung
seiner "vollen Souveränität" nimmt Deutschland ab
Januar für zwei Jahre einen Sitz im erlauchten Club des
UN-Sicherheitsrats ein. Das bietet im Vergleich zur lediglichen
Mitgliedschaft in der Generalversammlung eine noch größere
Chance zur aktiven Mitgestaltung der internationalen Politik. Beim
letzten Mal - 1995/96 - hat Deutschland diese Chance weitgehend
verspielt.
Die Regierung Kohl/Kinkel nickte in der Regel die US-Politik ab
und konzentrierte sich vor allem auf das Ziel eines ständigen,
mit Vetomacht ausgestatteten Ratssitzes für Deutschland. Dieses
Ziel ist heute so unrealistisch wie damals. Inzwischen gibt es ein
weit wichtigeres Ziel, das den vollen Einsatz der deutschen Politik
und Diplomatie verdiente: die Rettung des Völkerrechts, das nach
1945 ganz wesentlich unter dem Eindruck von Faschismus und Holocaust
begründet wurde. Die Anschläge vom 11. September 2001 haben
sich inzwischen als Super-GAU für dieses Völkerrecht
erwiesen. Kein anderes Ereignis der letzten 50 Jahre hat zu derart
gravierenden Veränderungen bei der Interpretation und Anwendung
von UNO-Charta, Genfer Konventionen und anderen zentralen
Vereinbarungen geführt. Die systematisch betriebenen
Vorbereitungen der USA für (Präventiv-)Kriege ohne
UNO-Mandat, Russlands unverblümte Angriffsdrohung gegen
Georgien, der zunehmende Vorrang, den die Bekämpfung
tatsächlicher oder vermeintlicher Terroristen in vielen
Ländern vor der Beachtung der Menschenrechte erhält - all
dies höhlt das Völkerrecht aus und droht es gänzlich
zu zerstören.
Die hierfür verantwortlichen Regierungen berufen sich in
ihrem Tun bislang unwidersprochen auf die Resolutionen, die der
UNO-Sicherheitsrat und die Generalversammlung nach dem 11. September
einstimmig verabschiedet haben. Eine offene, selbstkritische Debatte
des Sicherheitsrates und die Generalversammlung über diese
gefährliche Entwicklung sind überfällig. Wenn
Deutschland seinen Sitz im Rat dazu nutzt, diese Debatte zu
initiieren, wäre das ein historisches Verdienst.
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