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TAZ
09. Dezember 2002 |
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Bauchschmerzen für Washington
Der Bericht des Irak an die UN könnte den Krieg zumindest verzögern
Andreas Zumach
Lässt sich aus dem Umfang des irakischen Berichts an die UN
schließen, dass darin endlich all die Fragen beantwortet
werden, die seit Monaten weltweit für Kriegsängste sorgen?
Leider nein, denn Papiermenge allein ist kein Garant für
Richtigkeit. Weiterhin gilt: Solange keine stichhaltigen Beweise
vorgelegt werden, sind alle Behauptungen, der Irak habe sich seit
Abzug der UNO-Kontrollkommission Unscom im Dezember 1998 neue
Massenvernichtungsmittel beschafft und betreibe ein aktives
Rüstungsprogramm für solche Waffen, schlicht unseriös.
Genauso unseriös und unhaltbar ist bis auf Weiteres die
gegenteilige Behauptung, der Irak habe sich nicht derartiger
Verstöße gegen Auflagen des UN-Sicherheitsrates schuldig
gemacht.
Ebenso unmöglich wie sichere Aussagen über die
Vorgänge im Irak in den letzten vier Jahren sind
verlässliche Prognosen über die Entwicklung der
nächsten Wochen und Monate. Je länger die Regierungen in
Washington und London die von ihnen seit Monaten immer wieder
behaupteten Belege für irakische Verstöße
zurückhalten, desto mehr verstärken sie den Verdacht, dass
es ihnen lediglich darum geht, Saddam Hussein nachträglich einer
Lüge zu überführen und diese Lüge dann als
Vorwand für einen Krieg zu nutzen. Die USA und
Großbritannien sollten ihre angeblichen Beweise endlich der
Unmovik zur Verfügung stellen, damit die UN-Inspektoren
zielgerichteter und mit mehr Erfolgsaussicht nach verbotenen Waffen
und Rüstungsprogrammen suchen können.
Washington macht der Bericht aus Bagdad einige Bauchschmerzen.
Denn in einem Punkt geht er über die wesentlich auf US-Betreiben
formulierten Vorgaben und Anforderungen der Sicherheitsratsresolution
1441 hinaus: Er enthält eine Liste der Unternehmen aus den USA,
Deutschland und anderen europäischen Ländern, die dem
irakischen Rüstungsprogramm in der Vergangenheit zugeliefert
oder zumindest entsprechende Angebote gemacht haben. An einer
derartigen Liste hatte kaum eines der 15 Mitglieder des
Sicherheitsrates ein Interesse. Wird es der Bush-Administration
gelingen, diese brisanten Informationen in der Runde der fünf
ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates und damit vor der
Weltöffentlichkeit geheim zu halten? Um sie dann
möglicherweise selektiv dazu zu nutzen, in Berlin und anderen
europäischen Hauptstädten eine stärkere
Unterstützung für einen Krieg gegen Irak zu erpressen?
Beispiele für entsprechende Manöver Washingtons liefert die
Vorgeschichte des Golfkrieges vom Frühjahr 1991. Ein Erfolg war
die politische und finanzielle Unterstützung jenes Krieges durch
die Regierung Kohl.
Doch es ist auch nicht auszuschließen, dass der Bericht aus
Bagdad eher als Bremse wirkt bei der Entwicklung hin zu einem neuen
Krieg am Golf. Zunächst wird es Wochen dauern, bis das Papier
von allen Mitgliedern des Sicherheitsrates gelesen und ausgewertet
ist. Erst dann kann eine Debatte über seine Bewertung beginnen.
Und erst dann kann die Unmovik den Auftrag erhalten, bestimmte
Darstellungen in dem Bericht gezielt durch Inspektionen vor Ort zu
überprüfen.
Mit einer eventuellen mehrheitlichen oder gar einstimmigen
Feststellung des Rates, Irak habe mit dem Bericht einen "schwer
wiegenden Verstoß" gegen die Resolution 1441 begangen, ist
frühestens Ende Januar zu rechnen. Vorher könnten die USA
einen Krieg auf gar keinen Fall beginnen. Doch die Zeit arbeitet
zunehmend gegen die Befürworter eines Krieges innerhalb der
Bush-Administration. Die Sorge vor den Auswirkungen eines Krieges auf
die US-Wirtschaft nimmt zu. Die Entlassung der für diesen
Bereich wichtigsten Mitglieder der Bush-Administration in der letzten
Woche ist ein Indiz für wachsende Nervosität. Auch mehren
sich innerhalb der Administration Warnungen vor negativen politischen
Folgen eines Krieges bis hin zu einer Niederlage für Bush bei
den Präsidentschaftswahlen 2004. In den landesweiten Umfragen
nimmt die Zustimmung für einen Krieg seit einigen Wochen
kontinuierlich ab. Außerdem formiert sich überall im Lande
eine Protestbewegung, die seit Ende November auch die Aufmerksamkeit
der nationalen Medien erlangt.
Wie der Bericht aus Bagdad schließlich bewertet wird, ist
vorrangig eine Frage politischer Interessen. Es ist nicht
auszuschließen, dass die Bush-Administration letzten Ende zu
dem Schluss kommt, dass der Bericht zumindest weitgehend der Wahrheit
entspricht.
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