 |
TAZ
03. August 2002 |
|
|
Mehr als ein Ablenkungsmanöver
Europa muss die Bewegung in der irakischen Diplomatie nutzen
Andreas Zumach
In die Irak-Diplomatie ist in den letzten Tagen Bewegung gekommen.
Zumindest so viel ist sicher. Darüber zu spekulieren, woher
diese Bewegung kommt, ist müßig. Die Behauptung, Bagdads
Einladung an den Chef der UNO-Waffeninspekteure, Hans Blix, erfolge
unter dem Druck der amerikanisch-britischen Kriegsdrohungen und daher
seien diese - eindeutig völkerrechtswidrigen - Drohungen das
richtige Mittel, ist nicht beweisbar und wahrscheinlich falsch: Auch
Bagdad ist sehr gut in der Lage, die zahlreichen Widerstände
gegen einen solchen Krieg und die zunehmend kontroverse Debatte in
Washington wahrzunehmen.
Im Übrigen bedeutet Bagdads Einladung an Blix mitnichten die
"Revision" einer bisherigen irakischen Ablehnung der
Rückkehr von UNO-Waffeninspekteuren, wie in mehreren Berichten
zu lesen war. Auch bislang hatte Bagdad der Wiederaufnahme von
Inspektionen grundsätzlich zugestimmt, allerdings einige von den
USA diktierte Bedingungen abgelehnt. Viel wichtiger als die Ursache
der Bewegung in der Irak-Diplomatie ist, wohin sie gehen wird. Das
hängt wesentlich davon ab, ob die EU-Regierungen sich jetzt
endlich auch aktiv und konkrekt in das Verhandlungsgeschäft
einmischen. Mit Ausnahme Londons hatten sie seit Oktober letzten
Jahres beteuert, sie lehnten einen Krieg gegen den Irak ab, hatten
die Verhandlungen aber der Bush-Administration und der Regierung
Blair überlassen. Letztere hat Bagdads Einladung an Blix bereits
als "typisches Ablenkungsmanöver" von Saddam Hussein
verworfen.
Positiv reagiert hat bislang nur Russland. Moskau
begrüßte die Einladung als Möglichkeit für eine
friedlichen Ausweg aus der Krise. Wenn UNO-Generalsekretär Kofi
Annan jetzt bald ähnlich deutliche Signale aus Berlin, Paris und
anderen
EU-Hauptstädten erhält, besteht zumindest eine Chance, dass
er Blix auch gegen britisch-amerikanische Bedenken nach Bagdad
schickt. Die Feststellung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, es
gebe "keinen Automatismus für einen Krieg", reicht
jedenfalls überhaupt nicht aus, um die laufende Entwicklung hin
zu einem Irakkrieg und einer deutschen Zustimmung und Beteiligung an
diesem Krieg zu stoppen.
|