UNO in der Zwickmühle
Andreas Zumach
Heute sollte eine erste Gruppe von Inspekteuren der UNMOVIK nach Bagdad fliegen. So
lautete der Plan, den UNMOVIK-Chef Hans Blix nach Gesprächen mit Vertretern der
irakischen Regierung noch Anfang Oktober öffentlich verkündet hatte. Mit den vorhandenen
Resolutionen des Sicherheitsrates sei eine ausreichende völkerrechtliche Grundlage für
die Wiederaufnahme der 1998 abgebrochenen Inspektionen gegeben, erklärten Blix und
UNO-Generalsekretär Kofi Annan damals übereinstimmend.
Inzwischen ist völlig offen, wann die Inspektionen beginnen, ja ob sie überhaupt
stattfinden werden. Das ist Ergebnis der ultimativen Kriegsdrohungen, mit denen die USA
und Großbritannien den Sicherheitsrat unter Druck setzen, vor einer Entsendung der
UNMOVIK nach Bagdad zunächst ihren Entwurf für eine neue Irakresolution zu
verabschieden. »Wenn die UNO ihre Verantwortung nicht wahrnimmt, werden wir unilateral
gegen Irak vorgehen«, drohte US-Botschafter John Negroponte ganz unverhohlen auf der
letzten ordentlichen Sitzung des Sicherheitsrates.
Musste die UNO diesem Druck nachgeben? Nicht zwangsläufig. Dass sie es dennoch tat,
ist vor allem Ergebnis einer sehr problematischen Güterabwägung durch Generalsekretär
Annan. Nach Einschätzung von Annan und seiner immer schon viel zu stark an den Wünschen
Washingtons orientierten Berater wäre ein Alleingang der USA das größte aller denkbaren
Übel. Daher ist es oberstes Ziel des Generalsekretärs, sicherzustellen, dass die UNO
weiter an der Lösung des Irakproblems beteiligt bleibt. In letzter Konsequenz kann das
dazu führen, dass die UNO überhaupt keinen Einfluss mehr hat, und der Sicherheitsrat
schließlich lediglich einem Krieg gegen Irak, den die große Mehrheit der 191
UNO-Mitglieder ablehnt, zu dem die USA aber unter allen Umständen entschlossen sind, ein
völkerrechtliches Mäntelchen umhängt. Doch ein solches Szenario würde die Institution
UNO und das Völkerrecht wahrscheinlich sehr viel nachhaltiger beschädigen, als der von
Annan befürchtete Alleingang der USA.
Noch dauern die Verhandlungen über den Text einer neuen Irak-Resolution an. Die
Erleichterung über ein angebliches Einlenken der USA, die sich seit Donnerstag
ausbreitet, könnte sich als verfrüht erweisen. Nach allen zur Zeit vorliegenden
Informationen wäre der sich anbahnende Kompromiss zwischen den USA und Frankreich kaum
besser als der bisherige amerikanisch-britische Entwurf. Sicher ist, dass der künftige
Kompromisstext fast all die verschärften Regeln und Bedingungen für künftige
Inspektionen enthalten wird, die Washington und London in ihren Entwurf geschrieben
hatten. Das allein birgt das Risiko, dass Irak seine ausdrücklich auf Basis der
bisherigen Resolutionen und unter Ablehnung neuer Bedingungen erteilte Zustimmung zu neuen
Waffeninspektionen wieder zurücknimmt. Dann wäre ein Kalkül aufgegangen, aus dem
zumindest Vertreter der Bush-Administration in den letzten Wochen kein Hehl gemacht haben.
Mit Blick auf die Androhung von und die Ermächtigung zu militärischen Maßnahmen
gegen Irak wird in dem Kompromisstext zwar mit Sicherheit der von Frankreich, Russland und
China abgelehnte »Automatismus« vermieden werden. Das dürfte Paris als großen
diplomatischen Erfolg verbuchen. Entscheidend aber wird sein, was eine neue Resolution
für den Fall vorsieht, dass die UNMOVIK einen irakischen Verstoß gegen Auflagen des
Sicherheitsrates feststellt. Soll der Rat dann erneut zusammentreten und über das weitere
Vorgehen einen zweiten formalen Beschluss fassen? Oder muss der Rat lediglich
»konsultiert« werden, bevor die USA und andere hierzu willige Staaten militärische
Maßnahmen gegen Irak beginnen können? Bislang lassen zahlreiche Informationen aus dem
Kreis der Unterhändler befürchten, dass sich die zweite Variante durchsetzt. Sollte sich
diese Befürchtung schließlich bewahrheiten und ein entsprechender Resolutionstext vom
Sicherheitsrat möglicherweise gar einstimmig verabschiedet werden, würden dies zunächst
sicher sowohl Frankreich wie die USA und auch Generalsekretär Annan als Erfolg ihrer
Bemühungen verbuchen. Der Krieg gegen Irak mit einem zumindest indirekten Segen der UNO
wäre damit allerdings vorprogrammiert.
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