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TAZ
20. September 2001 |
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Im Zug nach NY
Nur 2 Kilometer pro Jahr legt ein Amerikaner auf der Schiene zurück.
Doch jetzt erlebt die Bahn einen Boom
Andreas Zumach
Während die US-Fluggesellschaften nach dem 11. September ihre Verbindungen
reduzieren und zehntausende von MitarbeiterInnen entlassen mussten,
erlebt das Eisenbahnunternehmen Amtrak einen Boom wie nie zuvor. Die
Zahl der Passagiere stieg um über 20.000 pro Tag, das ist ein
Zuwachs von 35 Prozent.
Auch prominente US-Bürger stiegen auf die Schiene um. Als
Edward Kennedy, der demokratische Mehrheitsführer Tom Daschle
und ein Dutzend weitere Senatoren letzte Woche die Ruinen des World
Trade Centers besichtigen wollten, nutzten sie aus logistischen wie
aus Sicherheitsgründen statt des Shuttle-Flugzeuges zwischen
Washington und New York den "Metroliner" von Amtrak. Auf
den Ostküstenkorridor Washington-New York-Boston, Amtraks
einzige profitable Strecke, entfällt auch der größte
Teil der neu gewonnen Passagiere. Doch Amtrak-Präsident George
Warrington sieht "die große Chance" , dass sein
Unternehmen auch in anderen Landesteilen "zumindest im Kurz- bis
Mittelstreckenbereich bis 450 Meilen [circa 720 Kilometer] auch
längerfristig seinen Marktanteil verbessert".
Das bleibt eine große Herausforderung. Die US-Airlines
transportierten im letzten Jahr rund 600 Millionen Passagiere, Amtrak
lediglich 22,5 Millionen. Jeder US-Bürger verbrachte im
Durchschnitt ganze 2 Kilometer im Zug (jeder Deutsche 722 Kilometer,
jeder Schweizer 1.800). Um seinen Marktanteil längerfristig
auszubauen, braucht Amtrak zunächst mindestes 3 Millarden Dollar
zusätzlicher Subventionen. Denn die Passagierzuwächse
infolge der Terroranschläge erhöhten nicht nur die
Einnahmen aus dem Ticketverkauf, sondern verursachten wegen des
verstärkten Einsatzes von Rollmaterial und der Überstunden
des Zugpersonals auch erhebliche Mehrkosten. Um die neu gewonnene
Attraktivität auch längerfristig zu halten, müsste
Amtrak zudem erhebliche Summen in die Reparatur und Modernisierung
von Gleisen und Bahnhöfen stecken.
Doch noch gilt ein Beschluss des Kongresses aus dem Jahr 1997,
wonach das Eisenbahnunternehmen seine Operationskosten ab Januar 2003
vollständig aus dem Fahrkartenverkauf finanzieren muss und keine
Subventionen mehr erhält. Im letzten Jahr verfehlte Amtrak
dieses Ziel noch um 59 Millionen Dollar. Kongressmitglieder von der
Ostküste zeigen inzwischen parteiübergreifend Bereitschaft,
diesen Beschluss zu überdenken. "Wir brauchten die
Eisenbahn vor dem 11. September und seitdem brauchen wir sie noch
mehr", erklärte New Yorks demokratischer Senator Charles
Schumer. Die Eisenbahn müsse aus ihrer Rolle als Stiefkind
heraus. Doch Schumers Kongress-Kollegen aus den großen
US-Bundesstaaten sind noch keineswegs überzeugt.
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