TAZ
19. Oktober 2001

 

Unsicherheit im US-Senat

Daschle versichert, es bestehe keine akute Gefährdung. Trotzdem bleiben viele Fragen nach Anthrax-Fund offen.

Andreas Zumach

Wie "potent", "gefährlich" oder gar "geeignet zur biologischen Kriegsführung" sind die Anthrax-Sporen tatsächlich, die am Montag per Post beim Führer der demokratischen Mehrheitsfraktion im US-Senat, Tom Daschle, eintrafen und zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Arbeit des US-Kongresses geführt haben? Weitreichende Äußerungen, mit denen Daschle, andere Senatoren sowie FBI-Beamte am Dienstagabend erhebliche Unruhe ausgelöst hatten, wurden inzwischen in Washington zumindest erheblich relativiert.

Auf mehreren Pressekonferenzen bemühte sich Daschle gemeinsam mit seinem demokratischen Amtskollegen aus dem Abgeordnetenhaus, den beiden republikanischen Fraktionschefs im Kongress sowie führenden Gesundheitsbeamten der Bush-Administration, das amerikanische Volk zu beruhigen. Es bestehe "keine akute Gefährdung", und durch die Anthrax-Sporen in dem Schreiben an Daschle sei "bislang niemand erkrankt". Alle theoretisch denkbaren Erkrankungen seien durch Antibiotika und andere Medikamente heilbar, die in ausreichender Menge zur Verfügung stünden. Daschle wollte seine eigenen Behauptungen von einer "besonders starken" Anthrax-Variante nicht mehr wahrhaben und erklärte zudem, er habe "niemanden gehört, auch nicht hinter verschlossenen Türen, der die an mein Büro gesandten Anthrax-Sporen als biowaffentauglich bezeichnet hat".

FBI-Beamte hatten am Dienstag erklärt, dieAnthrax-Sporen seien "so potent", dass damit bei einer Verbreitung auf dem Luftweg "tausende von Menschen getötet werden könnten". Diese Äußerungen - von denen das FBI inzwischen abrückte - hatten zu Spekulationen geführt, die Sporen stammten aus dem Ausland.

Der frühere Chef der UNO-Waffeninspekteure im Irak, Richard Butler, behauptete, die Anthrax-Sporen seien "im Irak produziert" worden. Inzwischen wollen sich FBI und das zuständige Justizministerium nicht einmal auf die Einstufung der Anthrax-Briefe als "Bioterrorismus" festlegen. Als gesichert gilt nach den bisherigen Untersuchungen in einem Forschungslabor des US-Militärs, dass die Anthrax-Sporen in dem Schreiben an Daschle besonders feinstäubig waren und sich leicht in der Luft verbreiteten. Bei 34 MitarbeiterInnen des Kongresses wurde Berührung mit Anthrax festgestellt. Aufschluss über die Herkunft des Anthrax erhofft sich das FBI von weiteren Untersuchungen.