TAZ
18. Oktober 2001

 

Milzbrand, mit Bezug auf Allah

Brief an US-Senator Daschle enthielt Anthrax-Erreger, wie sie zur Herstellung von Biowaffen verwendet werden. Über 30 Mitarbeiter sind positiv getestet.

Andreas Zumach

Die Bedrohung durch mit Milzbrand-Erregern verseuchte Briefe in den USA hat eine neue Domension erreicht. Bei den an Thomas Daschle, den demokratischen Mehrheitsführer im US-Senat, per Post gesandten Anthrax-Sporen handelt es sich wahrscheinlich um hochpotente Milzbranderreger, die zur Herstellung biologischer Waffen verwendet werden. Dieses "vorläufige Untersuchungsergebnis" teilten Daschle und das FBI in der Nacht zum Mittwoch mit. 20 Mitarbeiter aus Daschles Büro sind inzwischen positiv auf Anthrax getestet worden. Gestern Abend wurde als Reaktion das US-Repräsentantenhaus vollständig geschlossen. Der Brief an den Senator enthielt zudem Hinweise, die den Verdacht auf eine laut FBI "noch keinesfalls bewiesene" Verbindung zum Terrornetzwerk von Ussama Bin Laden bestärken.

Der Brief mit den Anthrax-Sporen war am Montag in Daschles Büro eingetroffen. Es handele sich um eine "sehr fein zerstäubte Variante, die sich leicht auf dem Luftweg verbreiten lasse", erklärte das FBI nach ersten Untersuchungen in einem Labor der US-Streiträfte in Fort Derrick im Bundesstat Maryland. Die Sporen seien "so ähnlich" wie diejenigen, an denen vor knapp zwei Wochen in Florida der Fotojournalist Robert Stevens gestorben sei, nachdem er sie durch die Atemwege inhaliert hatte. Stevens war beim Verlagshaus "American Media" in Boca Raton beschäftigt. Ein Postangestellter des Verlagshauses erkrankte an Lungenmilzbrand. Sechs weitere MitarbeiterInnen von "American Media" kamen mit einem zweiten Schreiben in Berührung, das ein vergleichsweise harmloses, nur durch Hautöffnungen übertragbares Anthrax-Pulver enthielt. Sie werden mit Antibiotika behandelt und sind bisher nicht erkrankt.

Senator Daschle erklärte, der an ihn gerichtete Brief sei offenbar von jemandem präpariert worden, "der wusste, was er tat". Die Sporen seien "so potent, dass mit ihnen, wenn sie auf dem Luftweg verbreitet werden, tausende Menschen getötet werden können", ergänzte ein Regierungsbeamter, der namentlich nicht genannt werden wollte. "Offensichtlich" seien die an Daschle gesandten Sporen "zum Zweck der biologischen Kriegsführung entwickelt worden".

Das Schreiben an Daschle enthält laut FBI "große Ähnlichkeiten" mit dem Anthrax-Brief, der am Freitag letzter Woche im New Yorker Büro des prominenten NBC-Nachrichtenmoderators Tom Brokaw einging. Beide Briefe, deren Umschläge das FBI inzwischen zum Zwecke der Warnung der Bevölkerung veröffentlichte, wurden in Trenton im Bundesstaat New Jersey abgestempelt. Nach Angaben des FBI weist der "möglicherweise identische" Absender in einer sich zumindest ähnelnden Schrift darauf hin, dass die Briefumschläge mit Anthrax infiziert wurden. Außerdem enthielten beide Schreiben "Bezüge auf Allah". Das FBI geht von der Hypothese aus, dass zumindest zwischen den Anthrax-Schreiben an Senator Daschle, NBC-Moderator Brokaw sowie an die Mitarbeiter des Verlagshauses American Media in Florida ein "Zusammenhang besteht". Untersucht wird derzeit, ob das an diese drei Adressaten versandte Anthrax aus derselben Quelle stammt. Bis gestern war zudem noch unklar, ob das Anthrax in dem Schreiben an Brokaw möglicherweise von ähnlicher Beschaffenheit und Potenz war wie das in dem Brief an Daschle. Das Schreiben an Brokaw war von seiner Assistentin geöffnet worden, die seitdem an Hautmilzbrand erkrankt ist. Zwei Postangestellte und ein Polizist, die im New Yorker NBC-Büro mit dem Anthrax in Berühung kamen, werden seitdem mit Antibiotika behandelt.

Von insgesamt 13 Personen wurde bis gestern bekannt, dass sie seit den Terroranschlägen vom 11. September mit Anthrax-Sporen in Berührung kamen. Davon ist einer gestorben, drei weitere sind erkrankt. Soweit bislang öffentlich bekannt, trafen bis gestern vier mit Anthrax verseuchte Briefe ein. Das ist laut New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani zwar "statistisch noch nicht viel", wenn man bedenkt, "dass allein in New York täglich 15 Millionen Postsendungen zugestellt werden". Dennoch führen die bisherigen Anthrax-Fälle zunehmend zu einer Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens in den USA.

Schon am Dienstag war der Südostflügel des Bürogebäudes gesperrt worden, in dem Daschles Büro liegt, der laut Verfassung nach dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten die Nummer drei im Staat ist. Auch zwölf weitere Senatoren können ihre Büros vorläufig nicht mehr betreten. Hunderte von Kongressangestellten unterzogen sich am Dienstag einer Untersuchung auf Anthrax-Sporen und begannen mit der vorsorglichen Einnahme von Antibiotika.