TAZ
17. Oktober 2001

 

Die USA tappen im Dunkeln

Von der Zukunft Afghanistans hat die Bush-Administration keine klare Vorstellung. Jetzt soll die UNO das Dilemma lösen - doch Kofi Annan zögert.

Andreas Zumach

Auch zehn Tage nach Beginn des Krieges gegen Afghanistan hat die Bush-Administration keine eindeutige politische Strategie und keine klare Vorstellung von der Zukunft des Landes nach einem eventuellen Sturz des Taliban-Regimes. Mit dem Ruf nach einer "zentralen Rolle der UNO" kaschiert die Administration nur mühsam ihre internen Widersprüche.

Die fehlende Kohärenz in der politischen Zielsetzung wirkt sich auch auf die Kriegsführung selbst aus. Bis heute hat sich die Bush-Administration - zumindest öffentlich - nicht festgelegt, ob der Sturz des Taliban-Regimes ihr Ziel ist oder nicht. Verteidigungsminist Donald Rumsfeld hätte die Frage gerne bejaht, doch auf der letzten Sitzung des Washingtoner "Kriegskabinetts" vor Beginn der Luftangriffe hatten Außenminister Colin Powell und Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice davon abgeraten.

Auch Bush sprach sich entschieden dagegen aus. Den Präsidenten trieb die Sorge um, seine Regierung könne in den schwierigen Prozess des "Nation Building" in anderen Teilen der Welt hereingezogen werden. Genau dies zu vermeiden, hatte Bush dem Volk und den Isolationisten in der eigenen Partei im Wahlkampf immer wieder versprochen - stets verbunden mit scharfer Kritik an der Politik seines Vorgängers Clinton im Kosovo, in Bosnien und in Somalia.

Doch ob nun erklärtes Ziel oder nicht: Der Kollaps des Taliban-Regimes wird mit jedem Tag wahrscheinlicher, an dem US-Bomber und Cruise Missiles seine militärische Hardware zerstören und seine Truppen vernichten. Aber was danach kommen soll, davon hat die Bush-Administration keine klare Vorstellung.

Mit Rücksicht auf Widerstände beim Verbündeten Pakistan gaben die USA der Nordallianz bislang nur beschränkte militärische Unterstützung. Zumindest bis Anfang dieser Woche hatten die Streitkräfte den Befehl, Truppenverbände der Taliban, die entlang der Frontlinie zum Gebiet der Nordallianz stationiert sind, nicht zu bombardieren.

Seit Dienstag gibt es Hinweise, dass diese Taliban-Verbände vom Pentagon inzwischen auch zum Angriff freigegeben wurden. Damit könnte die Nordallianz - zumindest nach Vorstellung einiger Pentagonstrategen - demnächst auf Kabul vorrücken und Schritt für Schritt das derzeit noch zu rund 85 Prozent von den Taliban-Truppen kontrollierte Territorium Afghanistans erobern.

Doch die Vorstellung, die Nordallianz könnte - nach einem etwaigen militärischen Sieg über die Taliban - alleine die künftige Regierung des Landes stellen, bereitet auch der Bush-Administration erhebliche Kopfschmerzen. Dass die Nordallianz hinsichtlich ihrer Vorstellungen von Demokratie, ihres Respekts für Menschen- und Frauenrechte oder ihrer Verstrickung in das Drogengeschäft kaum besser ist als die Taliban, hat sich in Washington inzwischen herumgesprochen.

Deshalb wird derzeit auf den verschiedensten Foren an Modellen einer möglichst breit abgestützten Regierung für Afghanistan gestrickt: mit oder ohne gemäßigte Kräfte der Taliban; ethnisch möglichst gemischt aus Paschtunen und anderen Volksgruppen; mit dem 87-jährigen Exkönig Mohammed Sahir Schah an der Spitze.

Da keines der bisher gehandelten Modelle sehr realistisch erscheint, wächst auch in der Bush-Administration die Sorge vor einem Machtvakuum in Afghanistan. Ausdruck der großen Verlegenheit ist der zunehmende Ruf nach einer zentralen Rolle der UNO, den sich inzwischen auch der Präsident zu eigen gemacht hat. Die Vereinten Nationen sollen nicht nur die umittelbaren humanitären Aufgaben erfüllen und den kostspieligen Wiederaufbau des zerstören Afganistan übernehmen, sondern auch bei der politischen Nachfolgeregelung in Kabul eine Rolle spielen.

Administrationsintern wird bereits die Variante einer UNO-Übergangsverwaltung diskutiert, ähnlich wie in Osttimor oder im Kosovo. Bush hat in dieser Angelegenheit bereits zweimal mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan telefoniert. Exkönig Sahir Schah forderte den Sicherheitsrat am Montag in einem Schreiben auf, eine UNO-Friedenstruppe in Afghanistan zu stationieren.

Annan, sein Afghanistan-Sonderbeauftragter Lakhdar Brahimi und ihre Berater äußern sich bislang eher zurückhaltend. Sie fürchten, dass die UNO ähnlich wie früher in Somalia oder Ruanda auch in Afghanistan von den USA und anderen Mitgliedstaaten zum Sündenbock für deren eigene, verfehlte Politik gemacht werden.