TAZ
13. September 2001

 

George Bush in Versuchung

Die USA haben heute weniger Handlungsoptionen denn je, um auf die Anschläge militärisch zu reagieren.

Andreas Zumach

Die Realität ist erneut nur ein müder Abklatsch der Fiktion. So entsetzlich die Bilder aus New York und Washington auch sind: sie bleiben doch weit hinter den Filmen zurück, die in den letzten 50 Jahren ein Millionenpublikum in den USA und weltweit spannend unterhielten - und oftmals erheiterten. In dem Maße, wie sich diese Filme dabei im Laufe der Jahrzehnte realen Bedrohungen annäherten, schürten sie zugleich immer stärker die am Dienstag erneut so grausam zerstörte Illusion, mit militärischen, geheimdienstlichen oder polizeilichen Mitteln lasse sich Sicherheit schaffen.

Doch nicht nur im Ausmaß der Zerstörung und in der Reaktion des Publikums unterscheiden sich Fiktion und Realität, sondern noch in zwei weiteren wesentlichen Punkten: in der Täterschaft und vor allem in den Fähigkeiten von Militär und Geheimdiensten zur Verhinderung von terroristischen Anschlägen. Zumindest in einigen Filmen der 90er-Jahre entpuppen sich statt der anfangs verdächtigten "ausländischen/arabischen/islamischen Terroristen" einheimische Bösewichte - manchmal sogar in den höchsten Etagen von Geheimdiensten, Pentagon und Weißem Haus - als die Verantwortlichen für Anschläge und Sabotage. Diese Variante mit Blick auf die aktuellen Ereignisse auch nur als vage Denkmöglichkeit zu erwähnen, würde nicht nur in den USA zu einem empörten Aufschrei führen - trotz der Erfahrungen mit dem Oklahama-Anschlag. Für diesen Anschlag wurden zunächst arabisch/islamische Terroristen verantwortlich gemacht, bevor schließlich zwei US-amerikanische Rechtsextremisten der Tat überführt und verurteilt wurden.

Der zweite Unterschied: In fast allen einschlägigen Filmen der 90er-Jahre siegt am Ende das Gute: Selbst wenn den jeweiligen Terroristen erste Anschläge gelingen, können ihre weit schrecklicheren Planungen in letzter Minute vereitelt werden - dank überlegener Technologie und Fähigkeiten der US-Geheimdienste und Militärs. Wo waren all diese geheimdienstlichen Fähigkeiten im realen Fall der Terrorakte vom Dienstag? Warum erhielt der Herausgeber einer arabischen Zeitung - zumindest nach eigener Darstellung - vor drei Wochen von Anhängern Bin Ladens präzise Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge, nicht aber die NSA , die CIA oder das FBI?

All diese Fragen werden in den nächsten Tagen und Wochen die US-Öffentlichkeit verstärkt beschäftigen - und wahrscheinlich letzten Endes ohne überzeugende Antwort bleiben. Wahrscheinlich werden einige Verantwortliche bei Geheimdiensten und militärischer Abwehr ihren Hut nehmen müssen. Besonders peinlich für die Sicherheitsbehörden ist ja, dass die Anschläge vom Dienstag weder den Szenarien entsprachen noch mit den neuen Waffen und Technologien ausgeführt wurden, mit denen seit Ende des Kalten Krieges die Aufrüstung von Geheimdiensten und Pentagon gerechtfertigt wird - und mit denen Washington unter anderem auch das "Raketenabwehrprojekt" begründet. An der US-Ostküste schlugen keine irakischen, nordkoreanischen oder libyschen Raketen ein. Es wurden weder Laserwaffen noch biologische Kampfstoffe eingesetzt, und auch "Cyberterrorismus" spielte keine Rolle. Stattdessen brachten - nach bisherigen Informationen ausschließlich mit Plastikmessern bewaffnete - Terroristen Passagierflugzeuge in ihre Gewalt, und das im Luftraum der USA, einer Domäne nationaler Sicherheit, und ließen sie auf hochsymbolische Ziele der amerikanischen Macht abstürzen. Eine größere Demütigung der USA und eine effektivere Zerstörung des Mythos von ihrer Unverwundbarkeit lässt sich kaum vorstellen.

Bei den unmittelbaren Gegenmaßnahmen haben die USA heute weniger Optionen als je zuvor seit Beginn terroristischer Anschläge gegen die USA. Als 1986 auf einer Militärbasis in Saudi-Arabien 256 GIs durch eine Lastwagenbombe getötet wurden, reagierte Washington lediglich mit einer drastischen Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen auf allen aus- und inländischen Militärbasen. Nach dem ersten Anschlag gegen das New Yorker World Trade Center im Jahre 1993 intensivierten die USA die Fahndung nach dem mutmaßlichen Drahtzieher Bin Laden - bis heute vergeblich. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im Sommer 1998, bei denen 224 Menschen getötet wurden, bombardierten die US-Streitkräfte ohne Mandatierung durch den UN-Sicherheitsrat eine vermeintliche Chemiewaffenfabrik im Sudan sowie angebliche Lager Bin Ladens und seiner Anhänger in Afghanistan. Diese Militärschläge trugen Washington selbst bei einigen Verbündeten erhebliche Kritik ein.

Ähnliches lässt sich jetzt nicht einfach wiederholen. Zwar sprechen sich laut einer Gallup-Umfrage 80 Prozent aller US-BürgerInnen für Militärmaßnahmen aus, doch 70 Prozent nur unter der Bedingung, dass die Täterschaft zuvor zweifelsfrei aufgeklärt wird. Dann wäre sogar der Einsatz von US-Bodentruppen gegen vermutete Terroristenstützpunkte denkbar. Sollte Bush wider Erwarten der Versuchung widerstehen, auch ohne eindeutige Aufklärung der Täterschaft militärisch zuzuschlagen, würde er Freunde und Feinde positiv überraschen.