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TAZ
12. Oktober 2001 |
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Nobelpreis für Kofi Annan? Der UNO-Generalsekretär ist wegen seiner freundlichen Art und
seiner Erfolge beliebt und geschätzt. Doch den richtigen Zeitpunkt
für ein Engagement in Afghanistan hat Annan erst mal verpasst.
Andreas Zumach
Wer wird heute Morgen gegen fünf Uhr New Yorker Ortszeit im
Haus Sutton Place Nr. 3 am Telefon sitzen und den Anruf aus Oslo
entgegennehmen? "Ich bestimmt nicht", lacht Nene Annan.
"Ich schlafe dann noch. Mein Mann auch." Bei einem Empfang
in der Privatresidenz von UNO-Generalsekretär Kofi Annan am
Mittwochabend tun noch alle fast völlig ahnungslos. Wann wird
denn am Freitag im UNO-Hauptquartier gefeiert? Annans Sprecher Fred
Eckhard lässt sich auch von dieser Frage nicht überrumpeln:
"Was gibt es zu feiern?"
Noch "gar nicht mitbekommen" haben will Eckhard die
Äußerung, mit der der Sekretär des norwegischen
Nobelkomitees und Direktor des Nobelinstituts, Geir Lundestad, letzte
Woche die seit Gründung dieser Institutionen im Jahre 1901
gültige Schweigeregel brach: "Kofi Annan ist der einzige
Generalsekretär, der den Vergleich mit Dag Hammarskjöld
standhält." Der zweite Generalsekretär der Vereinten
Nationen erhielt 1961 posthum den Friedensnobelpreis, nachdem er bei
seinen Friedensbemühungen im Kongokrieg unter bis heute
ungeklärten Umständen mit einem Hubschrauber
abstürzte. Lundestads Äußerung ist der deutlichste
unter zahlreichen Hinweisen aus der norwegischen Hauptstadt, wonach
der 100. Friedensnobelpreis heute an Annan, an die UN-Organisation
oder gemeinsam an beide verliehen wird.
Der mutmaßliche Preisträger lässt sich an diesem
Abend in seiner Residenz mit keiner Silbe auf das Thema ein.
Stattdessen widmet sich Annan ganz den Fragen der aktuellen
Weltpolitik. Er parliert mit Geduld, freundlicher Verbindlichkeit und
völlig arroganzloser Eleganz - Eigenschaften, die den
63-jährigen Ghanesen weltweit so beliebt gemacht haben, neben
seinen Erfolgen bei Strukturreformen der UNO und seinen
Bemühungen zur Abwendung eines dritten Golfkrieges gegen Irak im
Frühjahr 1998.
Immer wieder fragen Annans Gesprächspartner nach seiner
Haltung zum Krieg der USA und Großbritanniens gegen Afghanistan
und fordern eine "stärkere und aktivere Rolle" der
UNO. Gleiches gilt für die Wiederbelebung des
Nahost-Friedensprozesses. Annan reagiert vorsichtig und
zurückhaltend. Zum Thema Afghanistan wiederholt er ständig
seine gewundene Formulierung, wonach die USA und Großbritannien
"ihre militärischen Maßnahmen gegen Afghanistan in
den Kontext des Rechts auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der
UNO-Charta gesetzt" hätten. Ist das nun eine Zustimmung des
UNO-Generalsekretärs zu den militärischen Maßnahmen
oder eine vorsichtige Distanzierung? Annan schweigt mit freundlichem
Lächeln.
Sehr vorsichtig äußert sich der Generalsekretär
auch zu einer eventuellen Nahost-Friedensinitiative der UNO. Seine
engsten, zum Teil überängstlichen Berater, die sich in
erster Linie an etwaigen politischen Wirkungen in Washington
orientieren, haben Annan Zurückhaltung empfohlen.
Sollten Annan und/oder die UNO heute tatsächlich den
Friedensnobelpreis erhalten, dürfte dies als
"Aufwertung" und "Stärkung" der
Weltorganisation interpretiert werden. Doch ob und wann dies
tatsächlich zu einer wieder aktiveren Rolle der UNO und ihres
Generalsekretärs führen wird, ist offen. Für den
aktuellen Konflikt, durch den die Paradigmen des 1945 mit der
UNO-Charta begründeten Völkerrechts wahrscheinlich
erheblich verändert werden, scheint es jedenfalls zu spät.
"Die Vermittlungsreise nach Kabul hätte Kofi vor dem
letzten Sonntag antreten müssen", meint ein
langjähriger, hochrangiger UNO-Mitarbeiter und Freund des
Generalsekretärs resigniert. "Jetzt ist es dafür zu
spät."
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