TAZ
10. Januar 2001

 

Die Tests sind Augenwischerei

Nach Auffassung kritischer Ärzte ist die Bevölkerung in potenziell kontaminierten Gebieten Bosniens und Kosovos eher gefährdet als die KFOR-Soldaten.

Andreas Zumach

"Es gibt keine Gefährdung deutscher Kosovo-Soldaten durch mit abgereichertem Uran (DU) gehärtete Munition", erklärt das Bundesverteidigungsministerium immer wieder. Grundlage dieser Behauptung ist eine Untersuchung der Urinproben von 118 im Kosovo stationierten deutschen Soldaten auf eventuelle Ablagerungen von Uran in ihrem Körper durch das Münchner Forschungszentrum GSF. Die Urinproben wurden Soldaten zwischen November 1999 und Mai 2000 abgenommen.

Die Epidemiologin Gina Mertins, führende DU-Expertin der deutschen Sektion der "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) kritisiert die Unbedenklichkeitserklärung des Ministeriums als "wissenschaftlich völlig unhaltbar und daher unverantwortlich gegenüber den Soldaten".

Laut Mertins "lässt eine Urinuntersuchung innerhalb von zehn Monaten nach einem eventuellen Kontakt der Soldaten mit DU überhaupt keine Anhaltspunkte auf eine Ablagerung im Körper und damit auf eine eventuelle Gesundheitsgefährdung zu". Denn die feinen nicht löslichen Urandioxidpartikel, die beim Aufprall und der Verbrennung von DU-Munition entstehen, lagern sich nach Aufnahme durch die Atemwege oder offene Wunden überwiegend in der Lunge ab, in Lymphknoten und in anderen Körpergeweben und schließlich in den Knochen. Erst nach etwa eineinhalb bis zwei Jahren geraten diese Partikel in den Urin.

Mertins fordert deshalb eine "Langzeitbeobachtung u.a. durch regelmäßige Urintests über acht bis zehn Jahre". Werden dann erhöhte und steigende DU-Werte im Urin festgestellt, wäre dies ein Beweis für DU-Ablagerungen in Knochen und Körpergeweben. Diese Ablagerungen sind mit medizinischen Mitteln "nicht mehr aus dem Körper entfernbar, "das ist wie mit dem Teer in Raucherlungen", erklärt Mertins. Die DU-Partikel im Körper stellen wegen ihrer radioaktiven Wirkung ein erhöhtes Risiko dar für den Ausbruch von Leukämie und anderen Krebsarten. Diese Konsequenz lässt sich jedoch weder mit Sicherheit voraussagen, noch ausschließen. Ob es zu einer Erkrankung komme, hängt von den spezifischen Bedingungen eines jeden Körpers ab.

Nur bei tatsächlichem Leukämieverdacht empfiehlt Mertins die Entnahme einer Knochenprobe. Doch da sich einmal im Körper aufgenommene DU-Partikel nicht gleichmäßig über alle Knochen verteilen, lässt auch die Untersuchung einer Knochenprobe keinen gesicherten Rückschluss zu. "Mit völliger Sicherheit lässt sich ein solcher Kausalzusammenhang - wenn überhaupt - erst nach dem Tod feststellen durch eine Untersuchung des Skeletts", so Mertins. Die IPPNW-Expertin hält es daher für "unerlässlich, dass alle bislang an Leukämie verstorbenen Soldaten oder Zivilpersonen, die mit DU in Berührung gekommen sein könnten, obduziert werden".

Mertins fordert, neben "allen Soldaten nicht nur der KFOR, sondern auch der SFOR in Bosnien jetzt endlich auch die Zivilbevölkerung in den potenziell durch DU-Munition verseuchten Gebieten zu untersuchen - und dies ebenfalls durch Langzeitbeobachtungen". Denn die Zivilbevölkerung sei viel stärker als die Soldaten neben der Radioaktivität der DU-Partikel auch ihrer chemotoxischen Wirkung ausgesetzt, da sie - möglicherweise - über einen langen Zeitraum verseuchte lokale Nahrungsmittel und Wasser zu sich genommen hat und weiter zu sich nimmt. Dadurch verstärke sich die chemotoxische Wirkung des DU auf den Körper. Dies könne zu schweren, möglicherweise tödlichen Erkrankungen der Niere und anderer innerer Organe führen. Soldaten hingegen erhielten Nahrungsmittel und Wasser aus dem Ausland. Sie kehrten in der Regel nach sechs Monaten zurück und wurden - zumindest im Fall der KFOR - zu Beginn ihres Einsatzes über eventuelle Gefährdungen durch DU unterrichtet.