 |
TAZ
08. Januar 2001 |
|
|
Merkzettel zum Einsatz
Andreas Zumach
1) WAS WAREN DIE ZIELE UND EINSCHLAGSTELLEN DER URANGEHÄRTETEN MUNITION?
a) Bosnien-Herzegowina
Darüber wurde bislang die Öffentlichkeit weder in
Bosnien noch in den Nato-Staaten informiert. Die Tatsache eines
Einsatzes von urangehärteter Munition (Depleted Uranium, DU)
gegen Ziele in Bosnien wurde überhaupt erst Ende 2000 bekannt.
Die italienische Regierung hatte bei der US-Regierung nachgefragt -
unter dem Druck von Anfragen aus dem Verteidigungsausschuss des
eigenen Parlaments wegen sich häufender
Leukämieerkrankungen bei in Bosnien eingesetzten Soldaten. Laut
der - internen - Antwort aus Washington, die Italiens
Verteidigungsminister Mitte Dezember an den Ausschuss weitergab,
verschossen US-Kampfflugzeuge am 5. August und 22. September 1994
sowie zwischen dem 20. August und 14. September 1995 insgesamt 10.800
Projektile mit rund zehn Tonnen DU gegen serbische Stellungen in der
Umgebung Sarajevos und in ganz Bosnien.
Ob und wann alle oder einige Nato-Regierungen darüber
hinausgehende Informationen erhalten haben über genaue Ziele,
tatsächliche Einschlagstellen und andere Details dieser
Einsätze von DU-Munition, ist unklar. Auf öffentliche
Kritik Italiens, Portugals und anderer Staaten hin kündigte
Nato-Generalsekretär Lord Robertson am Freitag eine umfassende
Aufklärung über die Details an.
Die Bundesregierung erweckt mit ihrer Behauptung vom Wochenende,
die Umgebung von Mostar (wo 1997 ein später an Leukämie
erkrankter Bundeswehrsoldat stationiert war) sei nicht mit
DU-Munition beschossen worden, den Eindruck, sie sei bereits genauer
informiert. Verschiedene Lokalbehörden sowohl im serbischen wie
im muslimisch-kroatischen Teilstaat Bosniens berichten über
erhöhte radioaktive Strahlungen auf ihrem Gebiet.
Die Belgrader Nachrichtenagentur Beta meldete am Wochenende, 400
Serben aus dem bei Sarajevo gelegenen Ort Hadþici - der 1995
mehrfach von der Nato bombardiert wurde - seien seitdem an Krebs- und
Herzleiden gestorben. Bereits Ende 1995 vermeldeten die
bosnisch-serbischen Behörden eine erheblich erhöhte
Radioaktivität in Hadþici und Umgebung. Eine
Überprüfung all dieser Angaben durch unabhängige,
internationale Experten steht bis heute aus.
b) Kosovo
Bislang ist die Öffentlichkeit weder im Kosovo noch in den
Nato-Staaten über den Einsatz von DU-Munition während des
Nato-Luftkrieges gegen Jugoslawien vom 24. März bis 7. Juni 1999
umfassend informiert worden. Erst am 21. März 2000
bestätigte die Nato offiziell den Verschuss von 31.000
Projektilen mit rund zehn Tonnen DU durch amerikanische
Kampfflugzeuge. Welcher Anteil davon auf das Kosovo entfällt und
welcher auf das übrige Serbien sowie auf Montenegro,
schlüsselte die Nato nicht auf.
Monate nach dieser offiziellen Bestätigung erhielt die mit
der Untersuchung ökologischer und gesundheitlicher Folgen des
Krieges in Serbien und Montenegro beauftragte UNO-Umweltorganisation
(Unep) eine Karte von Nato-Generalsekretär Robertson: Auf ihr
sind lediglich 112 Einschlagstellen von DU-Munition im Kosovo
vermerkt - die große Mehrheit entlang der Westgrenze des Kosovo
zu Albanien.
Wie präzise die Karte ist und ob sie alle tatsächlichen
Einschlagstellen enthält, ist unklar. Nach Auskunft eines
Mitarbeiters von Robertson ist die Karte so ungenau, "dass man
sich als Autofahrer damit kaum in das Kosovo wagen
würde".
c) Serbien außerhalb des Kosovo und Montenegro
Ein erheblicher Teil der von den Nato-Luftstreitkräften
angegriffenen Ziele lag in Serbien außerhalb des Kosovo und in
Montenegro. Wo dabei von den US-Kampfflugzeugen DU-Munition
eingesetzt wurde, hält die Nato bislang geheim. Ob die
Clinton-Administration diese Information überhaupt an die
Regierungen ihrer 18 Bündnispartner weitergegeben hat, ist nicht
bekannt.
Von Regierungsstellen und Lokalbehörden in Serbien kamen seit
dem Frühsommer 1999 zahlreiche Hinweise auf erhöhte
radioaktive Strahlung an Einschlagstellen von Nato-Bomben
und -Granaten - was den Verdacht auf den Einsatz von
DU-Munition nahe legt. Eine Überprüfung dieser Hinweise
durch unabhängige internationale Experten steht bis heute
aus.
2) WELCHE MASSNAHMEN WURDEN BISLANG AN EINSCHLAGSTELLEN VON DU-MUNITION
GETROFFEN?
a) Bosnien
Zum Schutz der Bevölkerung gibt es lediglich sporadische Maßnahmen
(zum Beispiel: Aufräumen, Absperren, Dekontaminierung, Untersuchung
von Boden- und Wasserproben, Warnung der Bevölkerung und der
SFOR- und KFOR-Soldaten) an einigen Orten, wo Lokalbehörden erhöhte
Radioaktivität festgestellt haben. Über Maßnahmen
zum Schutz der SFOR-Soldaten ist offiziell bei der Nato oder den Verteidigungsministerien
der an der SFOR beteiligten Länder nichts bekannt.
b) Kosovo
Das DU-Expertenteam der Unep untersuchte bei seiner ersten Mission
im November 2000 11 der 112 auf der Nato-Karte vermerkten
Einschlagstellen und stellte bei 8 eine erhöhte radioaktive
Strahlung fest. "Mit großer Überraschung"
stellte das Team fest, dass DU-Munitionsteile (darunter weit
größere, als sie nach dem Golfkrieg im Irak gefunden
wurden) auch noch anderthalb Jahre nach Ende des Krieges offen in der
Gegend herumliegen - zum Teil ohne ausreichende Absperrung.
Räumungs- und Dekontaminierungsmaßnahmen werden in vielen
Fällen durch bislang nicht explodierte Landminen verhindert. Die
Unep bezeichnet die bislang gewonnenen Erkenntnisse als
"repräsentativ" für alle 112
Einschlagstellen.
Boden-, Wasser-, Pflanzen- und Kuhmilchproben aus der Umgebung der
11 untersuchten Stellen werden von der Unep derzeit auf Verseuchung
durch hochgiftige Urandioxidstäube untersucht. Das Ergebnis soll
bis März vorliegen.
Die Bundeswehr teilte mit, sie habe 5 der Einschlagstellen in
ihrem KFOR-Sektor (3 serbische Panzerwracks und 2 Freiflächen)
seit Beginn des Einsatzes ihrer KFOR-Soldaten abgesperrt. Inwieweit
die KFOR-Truppen in anderen Sektoren ebenso verfahren sind, ist
unbekannt.
Für KFOR-Soldaten aus Deutschland und anderen Ländern stehen Schutzfahrzeuge
und Anzüge bereit, mit denen sie sich durch (potentiell) kontaminierte
Gebiete bewegen können. Schon seit Beginn des Einsatzes im Juni
1999 erhielten sie detaillierte Anweisungen zur Gefahrenvorsorge (unter
anderem kein Verzehr von lokalem Obst, Gemüse und Wasser). Entsprechende
Vorsorgemaßnahmen für die lokale Bevölkerung erfolgten
bislang - wenn überhaupt - nur sporadisch.
c) Serbien außerhalb des Kosovo und Montenegro
Es gab lediglich sporadische Maßnahmen von Lokalbehörden in der
Umgebung von Einschlagstellen, an denen erhöhte Radioaktivität
festgestellt wurde.
3) WELCHE PERSONENGRUPPEN WURDEN BISLANG MEDIZINISCH UNTERSUCHT?
a) Zivilbevölkerung
In Bosnien, im Kosovo sowie im übrigen Serbien und in Montenegro
gab es bislang nur von lokalen Gesundheitsbehörden Untersuchungen
von Einzelpersonen in der Umgebung bekannter (Kosovo) oder vermuteter
(Bosnien und Restserbien/Montenegro) Einschlagstellen von DU-Munition
- mit unterschiedlichen Standards. Danach präsentierte Ergebnisse
scheinen teilweise den Verdacht auf DU-verursachte Erkrankungen zu
bestätigen. Eine international überwachte und finanzierte
Untersuchung nach einheitlichen Standards, wie sie von der Unep seit
Mitte 1999 gefordert wird, steht weiterhin aus.
b) SFOR- und KFOR-Soldaten sowie ziviles Hilfspersonal
Nach den Meldungen der letzten Wochen über Leukämie-und
Krebserkrankungen haben Portugal, Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland,
Belgien, die Niederlande, die Türkei, Dänemark, Finnland,
Schweden und Russland die Untersuchung zumeist sämtlicher Soldaten,
Polizisten und Mitglieder ziviler Hilfsorganisationen begonnen oder
angekündigt, die seit den ersten bekannten Einsätzen von
DU-Munition im August 1994 im ehemaligen Jugoslawien stationiert waren.
Deutschland (mit bislang rund 50.000 Soldaten seit Mitte 1996 in Kroatien,
Anfang 1997 in Bosnien und Mitte 1999 im Kosovo vertreten) hat sich
bislang auf die Untersuchung von 118 Kosovo-Soldaten beschränkt.
4) WAS WURDE BZW. WIRD UNTERSUCHT?
Die Kriterien und Methode für die jetzt von zahlreichen
Staaten begonnenen oder angekündigten Untersuchungen sind
bislang nicht bekannt. Der so genannte Bio-Monitoring-Test der
Bundeswehr, dessen Ergebnis der taz vollständig vorliegt,
beschränkte sich auf eine Untersuchung etwaiger DU-Spuren im
Urin der 118 Kosovo-Soldaten zum Zeitpunkt des Tests. Der
Untersuchungsbericht geht davon aus, dass etwaige DU-Ablagerungen mit
dem Urin vollständig ausgeschieden wurden. Ob sich in Knochen,
Nieren, Leber, Hoden oder anderen Körperteilen hochgiftige,
radioaktive DU-Partikel abgelagert haben, die ihre
krankheitserregende Wirkung erst mehrere Jahre nach dem Kontakt mit
dem abgereicherten Uran entwickeln können, wurde nicht
untersucht. Unabhängigen Experten aus den USA und Kanada
zufolge, die zahlreiche, inzwischen erkrankte Golfkriegsveteranen
getestet haben, ist aber genau diese Partikeluntersuchung
unerlässlich, um die Gefahr einer späteren Erkrankung
feststellen und ihr durch geeignete medizinische Maßnahmen
vorbeugen zu können.
|