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TAZ
05. September 2001 |
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Ein taktischer Rückzug
Die USA nutzen den Streit über antiisraelische Beschlussvorlagen, um
unangenehmen Themen auszuweichen
Andreas Zumach
Die USA und Israel haben am Montagabend erbost ihre Delegationen
von der UNO-Konferenz gegen Rassismus in der südafrikanischen
Stadt Durban zurückgezogen. Beide Staaten begründen ihren
Rückzug mit "israelfeindlichen Passagen in dem Entwurf der
Konferenz für die Abschlusserklärung". Mit einer
Ausnahme übernahmen sämtliche Nachrichtenagenturen diese
Formulierung. Der Eindruck entstand, in Durban drohe die Annahme
dieser "israelfeindlichen Passagen".
Doch dies ist keineswegs der Fall. Die Rückzugsbegründung
der USA und Israels und die darauf basierenden Meldungen sind zumindest
grob irreführend. Denn eine offizielle Vorlage der Konferenz
mit israelfeindlichen Passagen, die eine Chance auf Annahme hätte,
existiert nicht und hat auch zu keinem Zeitpunkt seit der ersten Genfer
Vorbereitungstagung für Durban im Mai 2000 vorgelegen.
Vorbereitung in Teheran
In Durban auf dem Tisch liegt eine Synopse der Textentwürfe,
die zwischen Oktober 2000 und Januar diesen Jahres von vier
regionalen Vorbereitungskonferenzen in Strassbourg (für Europa),
Santiago de Chile (Nord- und Südamerika), Dakar (Afrika) und
Teheran (Asien) verabschiedet wurde. Äußerungen zu Israel,
Palästina und dem Nahostkonflikt finden sich
ausschließlich in dem Textentwurf der Asien-Regionalkonferenz
von Teheran Ende Januar dieses Jahres, an der die arabischen und
islamischen Staaten teilnahmen. Israel und jüdische - wie auch
China-kritische - Nichtregierungsorganisationen wurden von der
iranischen Regierung mittels Visaverweigerung von dieser
Regionalkonferenz fern gehalten.
Dass diese Visaverweigerung ein schwerer Verstoß gegen
UNO-Bestimmungen war, wurde von der UNO-Hochkommissarin für
Menschenrechte, Mary Robinson, die als Generalsekretärin der
Weltkonferenz fungiert und in Teheran teilgenommen hatte, seinerzeit
auf Nachfragen der taz zunächst bestritten und erst nach
Intervention der New Yorker UNO-Zentrale eingeräumt.
Robinsons Textsynopse diente als Verhandlungsgrundlage für
die beiden letzten Genfer Vorbereitungstagungen für Durban im
Mai/Juni beziehungsweise Juli/August, bei denen in einer Reihe von
Punkten Konsens erzielt werden konnte. Auf diesen
Vorbereitungskonferenzen wurde deutlich, dass die Israel-kritischen
Textvorschläge der arabisch-islamischen Staatengruppe bei der
großen Mehrheit der anderen Länder auf Ablehnung
stieß und bei einer Abstimmung in Durban maximal von einem
Drittel der Teilnehmerstaaten unterstützt werden würde.
Niemand brachte Alternativvorschläge ein.
Die USA und die Europäische Union verweigerten jegliche
inhaltliche Diskussion über die Vorschläge der
arabisch-islamischen Staatengruppe mit dem grundsätzlichen
Argument, eine Erwähnung Israels oder auch nur des
Nahostkonfliktes im Abschlussdokument von Durban bedeute eine
"unakzeptable Singularisierung" Israels. Aber auch die
lateinamerikanischen Staaten und viele schwarzafrikanische
Länder lehnten zumindest die von der arabisch-islamischen
Staatengruppe geforderte Verurteilung der Politik Israels
gegenüber den Palästinensern als "Holocaust" oder
als eine "Form der Apartheid" ab.
Zudem war den lateinamerikanischen und schwarzafrikanischen Staaten
vor allem an der Beschäftigung mit dem Thema Kolonialismus und
Sklaverei gelegen. Sie befürchteten, was inzwischen eingetreten
ist: ein Streit über Israel werde die Beschäftigung mit
dem Thema Kolonialismus und Sklaverei erschweren und den USA - denen
dieses Thema unangenehm ist - einen Vorwand liefern zum Boykott der
Durban-Konferenz oder zu einem vorzeitigen Ausstieg.
Gescheiterte Alternativen
Als die USA und Israel am Montagabend ihren Auszug aus der Konferenz
verkündeten, lag auf dem Verhandlungstisch weiterhin nur der auf
dem Teheraner Vorbereitungstreffen erarbeitete Textentwurf der arabisch-islamischen
Staatengruppe. Ein Alternativvorschlag Norwegens war ebenso gescheitert
wie zuvor ein Kompromissvorschlag von Robinson, in dem der Nahostkonflikt
mit vagen und sehr ausgewogenen Formulierungen umschrieben wurde. In
beiden Texten sahen die USA und die EU weiterhin eine "Singularisierung
Israels". Zugleich waren sie der arabisch-islamischen Staatengruppe
nicht kritisch genug gegenüber Israel. Die USA und Israel hätten
auch in Durban bleiben können im Vertrauen darauf, dass die Vorschläge
der arabisch-islamischen Staatengruppe spätestens am Freitag mit
mindestens einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgelehnt worden wären.
Denn es ist völlig undenkbar, dass bei den inzwischen gestarteten
gemeinsamen Bemühungen der EU und Südafrikas um einen völlig
neuen Entwurf ein Ergebnis herauskommt, bei dem die USA und Israel mit
ihrer Position in die Minderheit geraten und überstimmt worden
wären. Auch zur Frage, was im vorbereitenden Textentwurf der arabisch-islamischen
Staatengruppe zum Thema "Zionismus" steht, sind die Behauptungen
und Meldungen weiterhin irreführend. Von einer platten Gleichsetzung
"Zionismus gleich Rassismus" war nie die Rede. Auch eine Wiederholung
der Formulierung aus der 1991 aufgehobenen Resolution der UNO-Generalversammlung
von 1975, wonach "Zionismus eine Form des Rassismus" sei,
wurde nie verlangt. Stattdessen heißt es in dem Textentwurf: "Die
Konferenz soll ihre Besorgnis ausdrücken über einen Anstieg
rassistischer Praktiken des Zionismus und des Antisemitismus."
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