TAZ
04. Januar 2001

 

Zivilbevölkerung ist ohne Schutz

Die Menschen in den ehemaligen Kriegsgebieten erfahren weder Aufklärung noch wirksamen Schutz vor der Strahlengefahr. Die Nato hat selbst ihren Bündnispartnern gegenüber lange abgewiegelt.

Andreas Zumach

Ausgelöst von den Krebs- und Leukämiefällen in Italien, Spanien, Holland, Belgien und Portugal, kommen die Untersuchungen von seit 1995 in Exjugoslawien stationierten europäischen Nato-Soldaten allmählich in Gang. Doch für die potenziell ebenso betroffene Zivilbevölkerung in den mit urangehärteter Munition beschossenen Gebieten geschieht weiterhin nichts.

Der Einsatz von DPU-Munition in Bosnien 1994/95 wurde überhaupt erst Ende letzten Jahres offiziell vom italienischen Verteidigungsministerium bestätigt. Nach dem Luftkrieg der Nato gegen Jugoslawien von März bis Juni 1999 trieben die Brüsseler Zentrale der Allianz und ihre 19 Mitgliedsregierungen fast ein Jahr ein Versteckspiel mit der Bevölkerung Serbiens und mit der UNO-Umweltorganisation Unep, die mit der Untersuchung ökologischer und gesundheitlicher Folgen des Krieges beauftragt war. Erst Ende März 2000 bestätigte die Nato gegenüber der Unep überhaupt den Einsatz von DPU-Munition. US-amerikanische und britische Kampfflugzeuge hätten rund 31.000 Projektile mit etwa zehn Tonnen abgereichertem Uran (DPU) verschossen.

Die Unep hatte bereits in ihrem ersten Bericht vom Herbst 1999, der gemeinsam mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) verfasst worden war, vor den möglichen Folgen gewarnt. "Insbesonders in der Umgebung der Ziele von DPU-Projektilen" bestehe "höchste Gefährdung". Es sei "nicht auszuschließen, dass Menschen schwer kontaminiert werden". Doch die meisten Ziele dieser Projektile sind bis heute nicht bekannt. Die Landkarte, die Nato-Generalsekretär Robertson der Unep zusandte, ist nach Auskunft eines seiner Mitarbeiter so ungenau "dass man sich als Autofahrer damit kaum ins Kosovo wagen würde". Es ist nicht einmal sicher, ob die Amerikaner und Briten genauere Informationen an die Deutschen und an andere Nato-Verbündete weitergegeben haben. Das bedeutet: Vorsorgemaßnahmen, wie sie von der Unep und im Mai letzten Jahres auch von der grünen Bundestagfraktion "dringend" gefordert wurden - wie Absperrungen der DPU-Zielorte, Aufklärung der Bevölkerung, Tests von Wasser und Nahrungsmitteln - finden weiterhin nicht statt. Die Maßnahmen, die zum Schutz von KFOR-Soldaten getroffen wurden - etwa die Absperrung von "fünf Stellen: drei serbische Panzerwracks und zwei Freiflächen" im Sektor der deutschen Truppen, an denen laut Verteidigungsministerium "erhöhte Strahlung gemessen" wurden -, sind auf das Territorium des Kosovo beschränkt.

Für die Bevölkerung im übrigen Serbien und Montenegro existiert nicht einmal dieser Minimalschutz. Warnungen vor dem Verzehr von heimischem Obst und Gemüsen oder Leitungswasser werden nur an KFOR-Soldaten ausgegeben. Noch problematischer ist die Situation in Bosnien-Herzegowina. Hier gab es nicht einmal für die SFOR-Truppe die entsprechenden Schutz- und Vorsorgemaßnahmen, wie sie für die KFOR im Kosovo getroffen wurden - von Maßnahmen für die Zivilbevölkerung ganz zu schweigen.