TAZ
02. März 2001

 

2050 sind wir 9,3 Milliarden

Die UNO rechnet trotz Aids mit einem stärkeren Wachstum der Weltbevölkerung als bislang erwartet. Die Ziele zur Armutsbekämpfung werden noch unrealistischer.

Andreas Zumach

Die Weltbevölkerung soll laut einer gestern veröffentlichten Studie der UNO von heute 6,1 Milliarden Menschen auf 9,3 Milliarden im Jahre 2050 anwachsen. Damit korrigiert die Bevölkerungsabteilung der UNO ihre letzte, aus dem Jahr 1998 stammende Prognose um über zehn Prozent nach oben. Hauptgründe dafür sind veränderte Annahmen über die Entwicklung der Geburtenraten und über die Auswirkungen von Aids.

Die UNO geht nicht mehr davon aus, dass die Kinderzahl im weltweiten Durchschnitt auf das so genannte Ersatzniveau von zwei Kindern pro Frau sinken wird. Das wäre die Voraussetzung für eine Stabilisierung der Weltbevölkerung. Und in Afrika verlangsamt Aids das Wachstum der Bevölkerung nach Einschätzung der Experten in den nächsten 50 Jahren "nur" um 300 Millionen Menschen - oder um 15 Prozent - und damit weniger stark als bislang angenommen.

Die bei weitem stärksten Zuwachsraten erwartet die UNO für Afrika und Asien sowie - mit Abstand - Lateinamerika. Allein in den 48 ärmsten Staaten wird sich die Bevölkerung bis zum Jahr 2.050 verdreifachen. Dann werden rund 90 Prozent aller Menschen in den Ländern des Südens leben - jeder sechste in Indien.

Ein verstärktes Bevölkerungswachstum in den Armutsregionen wird die Verwirklichung der - von vielen Experten ohnehin für unrealistisch gehaltenen - UNO-Programme zur Armutsbekämpfung zusätzlich erschweren. Auf ihrem New Yorker Millenniumsgipfel im September letzten Jahres hatten die 189 UNO-Staaten beschlossen, die Zahl der Menschen in absoluter Armut (mit weniger als einem US-Dollar pro Tag) bis zum Jahr 2.015 um die Hälfte zu senken.

Auch die Einwohnerzahl der USA wird vor allem in Folge der Einwanderung von derzeit jährlich rund einer Million Menschen bis Mitte des Jahrhunderts um rund 40 Prozent anwachsen - von heute 283 Millionen Menschen auf fast 400 Millionen. Mit einer - allerdings deutlich geringeren - Zunahme wird für Kanada, Australien und Neuseeland gerechnet. Einen Rückgang der Bevölkerung prognostiziert die UNO für Japan und vor allem für Europa (siehe Kasten).

Für sämtliche Industriestaaten sagt die UNO-Studie eine deutliche Alterung der Bevölkerung voraus. Mit einem Durchschnittsalter ihrer Einwohner von 40 Jahren lag Deutschland 1990 gemeinsam mit Schweden, Italien und der Schweiz bereits hinter Japan (41 Jahre) auf Platz 2 der weltweiten Altersstatistik.

Als wichtigste Kriterien zur Berechnung der künftigen Einwohnerzahl eines Landes dienen den UNO-Experten die Sterblichkeitsrate, wirtschaftliche Daten sowie die Fruchbarkeitsrate - das ist die durchschnittliche Zahl von Kindern, die Frauen während ihrer gebärfähigen Lebensphase zur Welt bringen. Es gibt allerdings Zweifel an der wissenschaftlichen Seriösität der UNO-Studie. Laut Ben Wattenberg, Bevölkerungsexperte bei der konservativen Denkfabrik "American Enterprise Institute" in Washington, "sinkt die Fruchtbarkeitsrate weltweit weit schneller, als in der UNO-Studie angenommen wird". Deshalb sei die Prognose von 9,3 Milliarden Menschen im Jahr 2050 "überzogen".